Die Skiwelt verneigt sich einmal mehr vor Marcel Hirscher! Bei der Ski-WM in St. Moritz gewann er zweimal Gold, im Slalom und im Riesentorlauf, sowie Silber in der Kombination. Der Salzburger steht noch dazu vor seinem sechsten Gesamtweltcup-Titel. Aber was ist Hirschers einzigartiges Erfolgsrezept? Wir wagen uns an die Auflösung der Siegerformel.

Das Siegergen dürfte Marcel Hirscher im Blut haben! Der bald 28-jährige Salzburger ist auch in ­dieser Saison wieder drauf und dran, den Sieg im Gesamtweltcup zu holen. Mit seinem unglaublichen sechsten Triumph in Serie hätte er sogar Ski-Ikone Marc Giradelli überholt und wäre alleiniger Rekord-Champion auf zwei Brettern. Kein Skifahrer der Welt hätte Ähn­liches geschafft. Aber was macht Marcel Hirscher so schnell, so gut und so erfolgreich? Wir fühlten der „Hirscher-Formel“ auf den Zahn: (Mentale Stärke + Charakter)2 * Familie/Disziplin + Training.

Mentale Stärke

Bereits vor der Saison wird bei Journalisten und im Fahrerlager über den Gesamtsieg gesprochen und da fällt natürlich auch immer wieder der Name Marcel Hirscher. Doch den Salzburger lässt das alles ganz kalt. Hirscher nannte die Trophäe bereits in der Vergangenheit schlicht und einfach „depperter Glasbecher“ – macht sich also nicht selbst Druck. Während die Konkurrenz oft Punkte addiert und spekuliert, setzt er auf die Formel „Alles oder nichts“. Ein wesentlicher Punkt ist, auch Rückschläge, in Form von Niederlagen, wegzustecken und noch stärker zurückzukommen.

Bestes Beispiel ist der Sieg beim Slalom in Kitzbühel. Nach dem ersten Durchgang nur an der neunten Stelle, legte Hirscher einen gigantischen zweiten Durchgang hin und sicherte sich so noch den Sieg in Kitz. Der Siegeswille ist einfach grenzenlos – das war der 42. Streich im Weltcup. Für Hirscher ist die mentale Stärke aber nur ein kleiner Teil des Erfolgs. „Der Skisport ist viel zu komplex geworden. Für mich sind drei Dinge wichtig: die mentale, die körperliche Komponente und natürlich das Material.“

Training, Professionalität

Der ehemalige Radsportler und Servicemann von Ausrüster Komperdell kennt Hirscher gut und nennt nur ein kleines Detail: „Marcel wärmt sich vor einem Rennen wie kaum ein anderer ganz gezielt auf. Vor dem entscheidenden zweiten Riesentorlauf-Durchgang hat er Sprintübungen durchgeführt. So ­etwas macht sonst niemand.“ Aber auch die Tüftelei beim Material darf natürlich nicht fehlen.

Diese Arbeiten hat Hirscher eine lange Zeit mit Edi Unterberger erledigt. Unter­berger hat schon die Ski von Assen wie Hermann Maier oder Michael Walchhofer „gewachselt“ und gilt gemeinhin als „bester Ski-Servicemann der Welt“. Unterberger ist ein Tüftler, akribisch und akkurat – wie eben Hirscher auch. Derzeit wird Hirscher erfolgreich von Johann Strobl unterstützt.

Persönlichkeit, Disziplin

Vater Ferdinand ist von der Vater­figur zum Freund geworden. „Es ist wichtig für mich, dass ich immer eine Bezugsperson bei mir habe, der ich blind vertrauen kann. Bei anderen Sportlern ändert sich das oft, weil sie immer wieder in eine neue Trainingsgruppe wechseln“, erklärt Hirscher. Der Vater selbst sieht sich aber nicht als Chef und will sich ­keinesfalls wichtig machen – er ist eher der Unterstützer und Optimierer für seinen Sohn. Auch in dieser Phase konnte sich Hirscher perfekt entfalten und so zu einer echten Persönlichkeit reifen.

Hirscher ist für viele Österreicher der Inbegriff für Disziplin, mentale Stärke und Fairness. Für ein Leben abseits des Sports kann man sich aber vom Salzburger einiges abschauen. „Es steht mir nicht zu, Menschen in anderen Sparten und Situationen Ratschläge zu erteilen. Mir persönlich hat immer geholfen nicht aufzugeben. Mit mehr Einsatz habe ich mehr rausbekommen. Das heißt: Mit Gemütlichmachen und ,Schau ma mal‘ ist bei mir nie etwas gegangen. Man muss schon anpacken. Das bedeutet jedoch nicht, dass man mit dem Kopf durch die Wand soll. Neues ausprobieren und querdenken, das ist für mich sehr wichtig“, so Hirscher.

Familie als Unterstützung

Neben den Eltern und Geschwistern ist auch Freundin Laura ein wichtiger Baustein im Leben des Marcel Hirscher. Sie gibt ihm Rückhalt und ist dafür verantwortlich, dass die „Hirscher-Mania“ halbwegs im Rahmen bleibt. Daheim in der Wohnung in Abtenau ist der Skisport nämlich nicht unbedingt das Thema Nummer eins. Hätte Marcel keine feste Freundin, wäre er jetzt wahrscheinlich der Haupttreffer bei der Single-Börse.

Er weiß genau, was er tut

Ex-Skirennläufer Mario Reiter bringt das Erfolgsrezept von Marcel Hirscher auf den Punkt: „Marcel ­beschäftigt sich mit vielen Dingen selbst, die andere abgeben. Er weiß ganz genau, was er abgibt und nicht selbst zu machen hat, was ihm Energie raubt und Energie gibt. Ich glaube, diese vielleicht auch natürliche Intelligenz hilft ihm wahnsinnig weiter und macht ihn zu dem, was er heute ist. Er entscheidet viele Dinge nicht nur aus dem Bauch ­heraus, sondern wohlüberlegt und richtig.“ Hirscher hat in seiner Karriere eigentlich schon alles gewonnen – eine Medaille fehlt aber noch in der Sammlung: Olympia-Gold! Das soll dann 2018 bei den Spielen in Pyeongchang folgen.

TEXT: Marco Cornelius, FOTO: Atomic/Erich Spiess

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