Mit bald 90 Jahren hat sich Arik Brauer weitgehend vom Singen verabschiedet. Warum es 2018 dennoch eine neue LP gibt, erzählt er im Doppel-Interview mit Tochter Timna. Von ihr kommen gleich zwei neue Musikproduktionen, darunter eine Jodel-CD.

Eine Ausnahme gewährt Arik Brauer dem schau-Magazin und öffnet die Tür zu der gänzlich ohne Förderungen errichteten Privat­sammlung in seinem Währinger Domizil. Denn in der Regel malt der 89-jährige Brauer um diese Zeit immer: „Ich kann nicht anders, das ist mein Leben.“ Nach wie vor entstehen die berühmten, farbintensiven Ölbilder im Großformat. Einige davon hängen bereits in der Privatsammlung Brauer.

Die Führungen hier macht Tochter Timna. „Und die Leute lieben diesen persönlichen Zugang“, erzählt sie. Schließlich sei sie bei der Ent­stehung etlicher Werke ja dabei ­gewesen. „Manchmal durfte ich als Kind dort und da einen Punkt hinmalen.“ Heute sorgt die Musikerin für eigene Werke – und das nicht zu knapp.

Spirituelles aus Jerusalem

Soeben erschien ihr Konzert mit ­jüdischer Sakralmusik im Stephansdom auf DVD („Songs from Jerusalem“, siehen Kasten!). Timna Brauer arbeitet derzeit parallel an zwei neuen CDs. Für die „Heimatlieder?“ verknüpft sie alpine Musiktradi­tionen mit jemenitischen Klängen, aber auch mit Erik Satie. „Ich und mein Klavier, dazu Maultrommel, Alphörner und natürlich eine Quetschn“ werden zu hören sein. Brauer jodelt dafür sogar, wie sie ­lachend erzählt: „Ich behaupte aber nicht, dass ich das original mache.“ Der Vorbote, ihr Beitrag zum Experimental-Film „heimat – made in schlins“, ist bereits als Video fertiggestellt.

Im kommenden Jahr soll aber auch ihr erstes Chanson-Projekt, „ein ­Liebeslieder-Zyklus, für den Texte und Kompositionen von mir stammen“, erscheinen. Es ist eine Art Rückkehr nach Paris, wo sie mit ­ihren Eltern lebte. Dort hatte Arik Brauer auch die Inspiration zu ­seinen ersten Liedern im Dialekt. „Das Französische schleift ja alle ­Endungen ab, der ­Dialekt kann das auch. ,Ich habe einen Hut‘ klingt viel zu kantig. ,I hob an Huat‘ dagegen geht“, singt der 89-Jährige seinen Gästen den Unterschied der Einfachheit halber gleich vor. Inspiriert habe ihn auch H. C. Artmann, ­dessen Dialektgedicht-Band „med ana schwoazzn dintn“ er in Paris ­gelesen hat.

Damit begann die Serie kritischer Songs, die in einer Reihe mit Austropop-Vorläufern wie „A Glockn“ von Marianne Mendt steht. Von „Sie ham a Haus baut“ über „An Atommüll hätt ma da“ bis zu „Dei Köpferl im Sand“ reicht die ­Palette der Lieder, die sich der Aufarbeitung kritischer Themen widmen. Damit wurde der Maler, der auch bei der Besetzung der Hainburger Au mitwirkte, auch zu den heimischen Ökologie-Pionieren. „Das Stoppen des ungebremsten Fortschritts war anfangs eher eine Gefühlssache“, erinnert sich der Künstler, „erst später haben mir Bernd Lötsch oder Konrad Lorenz auch die Fakten ­bestätigt.“

Hundertwassers Auto-Albtraum

Wichtig dafür war auch der Kontakt zu seinem Malerkollegen Friedensreich Hundertwasser, der Brauer ­etwas prophezeite, das für ihn „so ­realistisch war, als würde er von Marsmenschen in Wien erzählen“. Als der Maler im Jahr 1960 seinen Führerschein machte, wohnte er im zweiten Bezirk. Zu dieser Zeit waren Autos eine rare Sache. Verärgert erzählte Arik Brauer Hundertwasser von zwei neuen Autobesitzern in ­seiner Straße: „Jetzt bekomme ich bald keinen Parkplatz mehr!“ Hundertwassers Antwort vor mittlerweile 57 Jahren: „Du wirst noch erleben, dass du in ganz Wien keinen Parkplatz mehr bekommst.“

Als Sänger gibt es Arik Brauer im Gegensatz zu seiner Tochter Timna nur mehr selten (im Rahmen von Benefizauftritten) zu erleben. Mit „Von Haus zu Haus“ erscheint 2018 dennoch eine Premiere. Das Album wurde noch nie auf LP veröffentlicht, das holt man nunmehr mit ­einer liebevollen Edition nach. Vom Text bis zum Cover stammt in der Hommage an die Wohnorte Brauers alles vom gebürtigen Ottakringer. Besonders berührend und mit dem typischen Humor des vielseitigen Künstlers versehen ist das Lied „In der Zinskasern“:

„Der Köch von der Frau Navratil
verstinkt das ganze Haus.
Die Hendln von der Pospischil,
die rennen ein und aus,
der Hund von der Svoboda beißt alles,
was er siecht,
die Gans von der Hrdlicka fallt
­nimmermehr ins G’wicht.“

Ottakringer Bua in Währing

Denn auch, wenn er seit 43 Jahren in Währing wohnt, blieb er ein Ottakringer Bua. Das blitzt als Schalk in den Augen des vitalen Malers auf, es zieht sich aber auch durch die 1993 erstmals veröffentlichten Lieder, die nunmehr Vinyl-Premiere feiern. Und auch musikalisch erinnert die Sammlung an die leuchtenden Farben der Brauer-Bilder. Denn: „Siehst den ganzen Tag a graue Mauer, kriegst ein graues Herzerl auf die Dauer.“ Und genau dagegen singen und malen Timna und Arik Brauer am liebsten an. Denn die Welt braucht Farbe, Liebe und Spiritualität.

Brauer zum Hören

Timna Brauers „Songs from Jerusalem“ wurden live im Stephansdom eingespielt. Das Konzert, das sie allen Menschen auf der Suche nach Spiritualität widmet, ist als DVD unter www.brauer-meiri.at erhältlich.

Arik Brauers CD „Von Haus zu Haus“, die Erstveröffentlichung der Vinyl-Version (mit Bildern Brauers im vierseitigen Cover), -erscheint im Frühjahr 2018, -sbestellbar sind CD oder LP der Lieder über Wohnen und Hausbau über dcchk@speed.at.

TEXT: Roland Graf, FOTO: Michael Rausch-Schott

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