In der von Sky produzierten Serie „Der Pass“ schlüpft Burgmime Nicholas Ofczarek in die Rolle eines österreichischen Ermittlers, der im alpinen Grenzland einen Killer jagt. Wir haben uns mit dem Kommissar zu Interview getroffen und mit ihm über seine neue Rolle und den Wiener Schmäh gesprochen.

Zugegeben, ein einfacher Zeitgenosse ist er nicht, der Herr Kommissar Gedeon Winter. Und auch kein besonderer Sympathieträger. Nach einer „Sache“ in Wien versieht er jetzt bei der Salzburger Polizei seinen Dienst – zumindest sollte er das. „Na, i bin do wegen der guaten Luft!“ – So klingt das bei Winter. Wie es scheint, hat er nicht nur mit seinem Job längst abgeschlossen. Auch sein Leben ist gelinde gesagt aus dem Ruder gelaufen. Hinter jeder Menge Zynismus schlummert allerdings eine private Tragödie. Welche? Das wird sich im Laufe der achtteiligen Serie „Der Pass“ zum Teil aufklären.

Kiwara mit Strizzi-Flair

In die Rolle von Winter schlüpft Burgschauspieler Nicholas Ofczarek (47), der von Anfang an die Ecken und Kanten seiner Figur perfekt auslotet. Der Schmuddel-Look mit zerknittertem Wollanzug und Strizzi-Mantel inklusive Pelzkragen lässt erahnen, wie das Innenleben des Kommissars aussieht. Als an der deutsch-österreichischen Grenze eine Leiche, perfekt drapiert über den Grenzstein, gefunden wird, trifft er auf seine deutsche Kollegin Ellie Stocker, gespielt von Julia Jentsch. Sie ist das komplette Gegenteil von Winter, sowohl in Sachen Engagement, als auch charakterlich. Mit ziemlichem Widerwillen und dank Stockers Beharrlichkeit lässt sich Winter schließlich auf gemeinsame Ermittlungen ein. Was folgt, ist ein packender Thriller, der die Zuseher über weite Strecken in klaustrophobisch anmutende Schneelandschaften entführt.

Nicht ohne Ofczarek

Wem die beschriebene Anfangssequenz – ein Leichnam, zwei Länder – bekannt vorkommt, liegt absolut richtig. Denn diese Grundidee wurde auf Wunsch der Produzenten und nach Freigabe durch die Rechteinhaber bewusst aus der skandinavischen Erfolgsserie „Die Brücke“ übernommen. Damit enden aber auch die Gemeinsamkeiten. Das Drehbuch- und Regieduo Cyrill Boss und Philipp Stennert hat eine vollkommen neue Handlung und individuelle Charaktere kreiert.  

Bevor sich die beiden ans Werk gemacht haben, haben sie allerdings eine Bedingung aufgestellt. Die war dafür umso gewichtiger. Von Beginn an stand fest, dass die Hauptrolle Nicholas Ofczarek spielen muss, ansonsten findet das Projekt nicht statt. „Angeblich, angeblich war das so“, sagt dazu Ofczarek. Bei diesen Vorschusslorbeeren muss man sich als Schauspieler doch sehr geehrt fühlen. Oder baut das nur unnötigen Erfolgsdruck auf? „Weder noch. Also, wenn ich nicht zugesagt hätte, hätten sie es nicht gemacht? Man ist immer ersetzbar, habe ich früher oft gehört, konnte damit aber nichts anfangen. Jetzt hört man: ,Wenn du es nicht machst, können wir die ganze Serie nicht machen.‘ Klingt super. Besser man hört so was als das andere. Aber im Ernst, die Herren behaupten halt, es war so. Wir haben uns dann im ,Gmoakeller‘ das erste Mal getroffen. Da gab es noch nicht einmal Bücher und ich habe mir die ganze Zeit gedacht: Wo bitte ist der Haken? Das frage ich mich bis heute.“ Letztlich hat er aber zugesagt und dies nicht eine Minute lang bereut. Mit „Der Pass“ liefert Sky Spannung auf höchstem Niveau – vom Drehbuch bis zur Kameraführung. Überhaupt war die Zusammenarbeit mit einem Pay-Sender – im Vergleich zu Produktionen im Öffentlich-Rechtlichen – für Ofczarek sehr entspannt. Was ist der größte Unterschied? „Man muss es etwa nicht allen Werbetreibenden recht machen. Auch dass man eine ganz bestimmte Zeit bei der Länge der Folgen einhalten muss, immer exakt 50 Minuten oder so, fällt weg. Bei uns dauert eine Folge halt so lange, wie sie eben dauert.“ Wenn es um authentisches Lokalkolorit geht, hat Ofczarek mitunter sogar den Autoren ausgeholfen. Cyrill Boss erinnert sich: „Da gab es eine Stelle, an der hatte ich Dillo geschrieben. Der Niki meinte dann: ,Da würde ich eher Wappler sagen.‘“

Schauspielen ist keine Psychotherapie

In der Rolle des Gedeon Winter läuft Ofczarek jedenfalls zur Höchstform auf. Was war der besondere Reiz an seinem Part? „Es ist immer gut, wenn er widersprüchlich ist und sich dieser Widerspruch auch nicht aufklärt“, sagt Ofczarek. „Wir sind ja alle widersprüchlich in unserem Spektrum.“ Wie viel vom privaten Nicholas Ofczarek steckt eigentlich in der Rolle? Gibt es da eventuell verborgene oder unterdrückte Seiten, die Kommissar Gedeon Winter mit dem Schauspieler teilt? „Wenn, dann hoffentlich unterdrückt. Man muss nicht immer Anteile davon haben, um was zu spielen. Das ist ein Klischee. Ich bin ein ganz normaler Mensch. Unser Beruf hat zwar teilweise mit Biografischem zu tun, aber ich glaube größtenteils mit Vorstellungskraft. Also, das ist keine Psychotherapie. Man muss nicht unbedingt Dinge ausleben, die man unterdrückt oder im Verborgenen hält. Aber es macht natürlich Spaß, die Imagination dahin zu treiben, jemanden zu spielen, der ein Über-Charismatiker ist. Sich da hineinzuwagen, ist viel spannender, als in sich selbst zu graben.“

Schaurig-schöner Austropop

„Die rote Jahreszeit beginnt“: Dieser Satz zieht sich wie der gleichfarbige Faden durch die Handlung. Da wird der klassische Krampus-Mythos zum Horrortrip und das sprichwörtliche Böse lauert oft dort, wo man es mitunter am wenigsten vermuten würde. In der Rolle des Killers brilliert Franz Hartwig, ein Mann mit unschuldigem „Engelsgesicht“. Dahinter tun sich Abgründe auf, wie im Laufe der Handlung klar wird.

Eine besondere Rolle in der Serie spielt neben dem beklemmenden Soundtrack auch Liedgut von Wolfgang Ambros. „Die Finsternis“, „Die Kinettn wo i schlof“ und „Weiß wie Schnee“ feiern ihren zweiten Frühling. „Einer der Autoren ist ja Münchner und ein großer Ambros-Fan“, erklärt Nicholas Ofczarek. „Es gibt zwar auch in der Musik den viel zitierten Weißwurst-Äquator, aber in Bayern sind die Austropopper echt noch ein Begriff.“ Da drängt sich freilich die Frage auf: Ist Nicholas Ofczarek insgeheim ein Austropopper? Denn in einer Szene stimmt er aus voller Brust einen Ambros-Klassiker an. „Ehrlich, ich habe das gar nicht gekannt. Ich bin nicht in Wien aufgewachsen. Daher ist das irgendwie an mir vorbeigegangen. Ich bin ja erst mit 15 aus der Schweiz nach Wien gekommen. Dann war ich Queen-Fan. Der Austropop war mir überhaupt nicht so bewusst zu der Zeit. Die Deutsche Welle habe ich mitgekriegt, in der Schweiz, leicht verstört. Das war die Neue Deutsche Welle damals.“ Gedreht wurde übrigens fünf Monate lang, von November bis ins Frühjahr – unter anderem im Salzburger Land, im Raum Berchtesgaden sowie über weite Strecken auch in Graz und der Steiermark. Dabei galt es, Ofczareks Tätigkeiten für die Theaterbühne und das Serien-Set unter einen Hut zu bringen. Ofczarek: „Ich habe weiter Theater gespielt. Ganz wenig zwar, so drei, vier, fünf Vorstellungen pro Monat, meistens am Wochenende. Also, ich habe durchgearbeitet. Das Burgtheater hat mir das ermöglicht. Meine Nächte waren ohnehin sehr kurz, eine Freude für die Maskenbildnerin, weil nicht sehr viel zu tun war. Spaß ohne, das war schon eine sehr intensive Zeit, aber sehr auf Augenhöhe mit allen, wirklich erfreulich.“

Leuchttürme, die es sonst nirgendwo gibt

Auf hochwertige Eigenproduktionen legt Sky viel Hoffnung. Mit exklusivem Content will man das Publikum an sich binden. „Für uns sind die Sky Original Productions ein wahnsinnig wichtiges Thema“, sagt Sky-Programmchefin Elke Walthelm. „Diese Eigenproduktionen sind Leuchttürme, wo wir unseren Kunden etwas ganz Besonderes anbieten können, was sie woanders nicht bekommen.“

Neben der Ausstrahlung via linearem Sky gibt es die Inhalte auch „on demand“ über den hauseigenen Streamingdienst Sky Ticket. Womit auch die jüngere Zielgruppe immer stärker in den Fokus rückt. Hat man das ­eigentlich beim Schauspielen im Hinterkopf? „Wenn ich an Zielgruppen denke, schränke ich das alles auch für mich wieder ein. Hoffentlich gefalle ich meiner Zielgruppe – und schon ist es aus. Das ist auch nicht unsere Aufgabe, sondern die des Senders, wie man so ­etwas positioniert. Ich würde verrückt werden, müsste ich mich um das auch noch kümmern. Es muss einem echt wurscht sein. Man macht den Job, so gut es geht, unter den gegenwärtigen Lebensumständen, in denen man sich gerade befindet. Man versucht sein Bestes zu geben.“ Nicholas Ofczarek ist jedenfalls mit dem Ergebnis sehr zufrieden, auch wenn man ja vorher nie weiß, wie das fertige Produkt aus­sehen wird. „Letztlich geht es um Vertrauen“, sagt Ofczarek. „Wenn ein Buch eine Qualität hat, eine menschliche Qualität vorhanden ist und du dich einigermaßen frei fühlst, unter diesen sehr seltsamen Umständen, dass du dauernd von ­einer Kamera beobachtet wirst, dann funktioniert das. Das war halt bei den Dreharbeiten der Fall. Es war eine gute Arbeit.“

Fotos: Szenenfotos © Sky/Wiedemann & Berg Television GmbH & Co. KG

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