Krieg, Flüchtlinge, Politikverdrossenheit: In Zeiten wie diesen haben Singer-Songwriter Hochsaison. Jetzt meldet sich Rainhard Fendrich (61) mit einem neuen Album zurück – denn es gibt eine Menge zu besingen.

Es waren Wohl hunderte Soundchecks und Stellproben, die Rainhard Fendrich im Laufe seiner Karriere absolviert hat. Auch vor seinem Auftritt bei der Schlagernacht in der Wachau müssen die Kamerapositionen minutiös durchbesprochen werden. Was mir gleich auffällt: Noch bevor es losgeht, begrüßt Fendrich seine Background-Sängerin mit einem herzlichen Handschlag.

schau: Der Handschlag war eine wirklich nette Geste.

Rainhard Fendrich: Menschen, die mit einem arbeiten, muss man respektieren. Respekt ist das Allerwichtigste. Ich habe Respekt vor jedem Musiker. Auch vor jedem, der mit seiner Gitarre auf der Straße sitzt und ich kann an keinem vorbeigehen, ohne ihm nicht ein oder zwei Euro zu geben. Ganz einfach, weil ich so viel Glück gehabt habe in meinem Leben und auch einmal mit der Gitarre auf der Straße stand. Es hätte nur ein kleiner Wink des Schicksals anders sein müssen und ich hätte diese Karriere nicht gemacht.

Wie hast du eigentlich begonnen?

Ich komme aus keiner reichen Familie, habe kaum Taschengeld bekommen. Außerdem war ich kein guter Schüler und bin im Gymnasium zweimal durchgefallen. Irgendwann hat mein Vater dann, was ich mittlerweile auch verstehe, das Geld gestoppt. Ich habe mich dann halt mit einem Freund von mir einfach auf die Kärntner Straße gesetzt und wir haben versucht, mit Musik Geld zu verdienen.

War es gut, dass dein Vater den Geldfluss gestoppt hat?

Es hat keinen Sinn, wenn man Kinder zu sehr verwöhnt, weil sie dann eigentlich nie den Weg ins Leben finden. Das ist schon wichtig. Aber man bringt es halt nicht zusammen. Ich bin leider auch ein sehr groß­zügiger Mensch. Meine Kinder wissen ganz genau, wie sich mich packen müssen, damit ich was auslasse. Ich bin dankbar dafür, dass mein Vater mir irgendwann einmal gesagt hat: ,Aus!‘. In Wahrheit habe ich ja nie im Leben daran gedacht, eine Karriere in dieser Richtung zu machen. Uns ging es nur um die Musik. Da gab es am WIG-Gelände in Wien-Oberlaa so einen Straßenmusikerwettbewerb. Da sind wir halt auch rumgesessen und haben gespielt. Die Leute sind vorbeispaziert und haben Münzen in die Gitarrenkoffer reingeschmissen. Am Ende wurden die Münzen gewogen. Wer am meisten Gewicht hatte, hatte gewonnen. Wir haben Platz zehn gemacht. Eigentlich waren wir gerade noch so in den Punkterängen. Doch dann ging es Schlag auf Schlag. Ich habe zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Leute kennengelernt. Aber das alleine war’s nicht. Denn ich war immer einer, der sich in das, was er wollte, verbissen hat. Das mache ich auch heute noch.

Stimmt es, dass du oft ­Gespräche mit deinem zweiten Ich führst?

Weiß du, was das Witzige ist? Das machst du auch, aber du weißt es nicht. Jeder macht das. ,Mein Gott, das hätte ich jetzt nicht tun sollen. Oh Gott, wie viel komme ich zu spät?‘ Man spricht immer, ob man will oder nicht, mit einem Alter Ego. Ob man will oder nicht. Das fällt einem oft auch gar nicht auf. Mir ist mit der Zeit jedenfalls bewusst geworden, dass es dieses Alter Ego gibt. Ich kann dir auch nicht sagen, was genau es ist. Vielleicht eine zweite Seite von mir, vielleicht eine höhere Kraft. Ich will das aber auch gar nicht auf so eine übertriebene, esoterische Ebene bringen. Also, ich bin sehr katholisch erzogen worden. Vielleicht ist es auch das, wo die Bibel von einem Abbild Gottes spricht. Wir sind ja alle die Idee einer höheren Instanz.

Fühlst du dich als Medium?

Vielleicht bin ich ein Medium, vielleicht auch nicht. Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, es kommen Gedanken zu mir, die lassen mich nicht mehr los und dann muss ich einen Song daraus machen. Wogegen ich mich auf jeden Fall verwehre, ist der Begriff politisch. Ich bin nicht politisch, ich bin lebensnah. Politik ist ja alles das, was unser Leben bestimmt. Es gibt dabei eben Sachen, die mir auffallen, über die ich nachdenke, die mich nicht mehr loslassen, und dann entsteht halt ein Lied. Ich erhebe keinen Anspruch, Recht zu haben. Was mir mit der neuen Single ,Schwarzoderweiß‘ jedenfalls bereits gelungen ist: Es ist eine Diskussion darüber entstanden. Auch auf meiner Facebook-Seite. Da waren auch Leute dagegen.

Stören dich kritische Stimmen?

Nein. Das muss man wissen, bevor man so etwas macht. Ich bin auch alt genug, dass ich das sagen darf und ich kann mir das auch leisten. Ich bin nicht so im Trend, was die Musik betrifft. Es ist mir zwar nicht egal, aber ich kann nicht anders. Es spricht aus mir so heraus, wie ich es empfinde. Außerdem kann ich nur über Dinge reden, die ich selbst sehe oder höre. Aber klar ist, dass auch das, was wir aus den Medien hören, zum Teil auch gefiltert ist. Was weiß man wirklich, was im Moment in Amerika vorgeht oder hier in Österreich mit unserer Regierung passiert? Was dürfen wir wissen? Was sollen wir wissen? Ich kann es nicht sagen.

Woher kommen die Song-Ideen?

Mein Lebens-Impetus ist die Neugierde. Ich sehe mich wirklich als Künstler, der reflektiert, was rund um einen herum passiert. Ein Singer-Songwriter ist wie ein Spiegel. Das war zum Beispiel der Georg Danzer, mit dem ich mich wirklich immer sehr, sehr gut verstanden habe. Wir waren da auf einer Linie. Man muss immer dort ,Auweh‘ schreien, wo denen, die Schmerzen haben, selbst die Kraft dazu fehlt.

Haben Singer-Songwriter derzeit besonders viel zu thematisieren?

Singer-Songwriter sind eigentlich nie aus der Mode gekommen. Die hat es immer gegeben. Schau dir zum Beispiel den John Meyer an. Das Faszinierende an der ganzen Geschichte ist, dass sich das Medium des Transports der Musik in den letzten 20 Jahren ex­trem verändert hat. Von der Vinyl-Platte über die CD, und jetzt kannst du bald nur mehr downloaden. Aber die Bühne hat sich seit über 4.000 Jahren nicht verändert.

Was zeichnet das neue Album gegenüber den Vorgängern aus?

Ich weiß nicht, ob es etwas gibt, was es gegenüber meinen vorigen Alben auszeichnet. Das müssen andere beurteilen. Ich schreibe aber immer mit einer großen Leidenschaft. In meiner Karriere sind mir dabei Lieder passiert, die mich geprägt haben, die ich gar nicht so ernst gemeint habe, die mir aber großen Erfolg einbrachten. So etwas wie „Macho, Macho“ oder „Es lebe der Sport“ zum Beispiel. Das war damals ein Zeitgeist und die Leute haben dar­über gelacht. Das stempelt dich ab. Dann habe ich durch Zufall ein Lied aus Heimweh geschrieben und das ist jetzt plötzlich eine Hymne geworden. Du kannst es nicht kontrollieren. Ich weiß auch nicht, was mit der neuen Platte passieren wird. Ich weiß nur, sie wird nicht in Vergessenheit geraten, weil ich weiß, dass da Themen drauf sind, die die Menschen berühren.

„Schwarzoderweiß“ handelt von Fremdenangst. Kann ein Song Menschen davon abbringen?

Alleine, dass wir zwei heute darüber reden können, ist für mich schon ein Etappensieg. Was ich mit ,Schwarz­oderweiß‘ bezwecken will, ist nicht irgendeinen Graben aufzureißen, nicht Fronten zu verhärten. Ich habe auch zwei Gründen dieses Lied geschrieben. Erstens aus einer großen Heimatliebe. Weil es mir wirklich weh tut, wenn ich im Ausland damit konfrontiert werde, dass die Hälfte aller Österreicher Nazis seien. Das ist nicht nur unrichtig, sondern das ist auch dumm. So werden wir oft nach außen dargestellt. Auch in Deutschland gibt es diese Tendenz, uns so zu sehen und das tut mir weh. Das Zweite ist, das Österreich immer ein Land war, das geholfen hat. Es ist bei der gesamten Flüchtlingspolitik vieles schief gelaufen. Es kommen viele Leute in unser Land, die jetzt nicht unbedingt schutzbedürftig sind, oftmals wirklich Kriminelle. Man hat das aus dem Ruder laufen lassen, hat das nicht unter Kontrolle. Aber ich muss immer denken, trotz allem gibt es Leute, die mit ihren Babys lieber im Mittelmeer in einem Schlauchboot ertrinken, als noch länger diesen Bombenterror zu haben. Und das dürfen wir nicht aus unserem Fokus geraten lassen. Darum geht es eigentlich.

Dein Rezept gegen die Sorge?

Ich habe auf meiner vorletzten CD Lieder geschrieben, die man mir zum Teil übel genommen hat. Es ist tragisch, es ist trist, Rainhard Fendrich als ,Schwarzmaler‘. Aber mit dem Lied ,Nimmer lang‘ habe ich recht gehabt. Alles, was stabil ist, wird kippen, habe ich gesungen, und es ist gekippt. Aber das ist nicht so, weil ich der große Wahrsager bin oder alles weiß, sondern weil ich mich ganz für mein Leben, das Leben um mich herum und unsere gemeinsame Zukunft interessiere. Ich würde mir wünschen, dass sich mehr Menschen für ihr eigenes Leben und die Zukunft aktiv interessieren und mehr Künstler mit einer großen Popularität sich besser positionieren. Man darf Menschen jetzt nicht bestrafen, nur weil halt auch manche ins Land kommen, die nicht schutzbedürftig sind und einfach nur kriminelle Absichten haben. Denn das war schon immer so. Der große Fehler, den wir begehen, ist, dass wir eine friedliche Religion wie den Islam unter Generalverdacht stellen. Weil wenn man sich ein bisschen damit beschäftigt, dann weiß man, dass Dschihad kein Krieg ist. Sondern ein Kampf und eine Anstrengung, die man in sich selbst führt auf dem Weg zu Gott und dass der Islam es verbietet, mit Feuer zu kämpfen gegen Zivilisten und gegen Länder, in denen der Islam frei praktiziert werden darf. Das muss man wissen, bevor man so etwas sagt. Das ist ganz, ganz gefährlich. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man sehr leicht mit aus dem Zusammenhang gerissenen Bruchstücken von Information ein Horror-Szenario populistisch herstellen kann, das erstens unwahr ist und zweitens eine Situation, die stabil ist, ins Kippen bringt. Davor habe ich Angst in diesem Land und das darf nicht passieren.“

TEXT & INTERVIEW: Christoph Berndl, FOTO: Bubu Dujmic

Das könnte Sie auch interessieren

John Travolta: Lebenshilfe vom Hollywood-Star Der Superstar war beim Filmfestival in Cannes zu Gast, um 40 Jahre „Grease“ zu feiern und seinen jüngsten Film zu promoten: „Gotti“, in dem er einen M...
Werner Auer: Ich liebe Abwechslung Künstlerisches Organisationstalent: Als Obmann des Theaterfests Niederösterreich bringt Werner Auer mit viel Fingerspitzengefühl 20 Sommerbühnen unter...
Peter Simonischek: Das sind Menschen, keine Bestien! In seinem neuen Film „Dolmetscher“ geht der „Toni Erdmann“-Superstar mit der tschechischen Theater- und Kinolegende Jirí Menzel auf Spurensuche. Ein G...
12 Gesichter, 12 Geschichten Der Kalender „12 Gesichter, 12 Geschichten“ unterstützt die Österreichische Krebshilfe Burgenland. Jeder Kalendermonat ist einer Frau gewidmet, die an...
Share This