Sie kennt die Unterschiede zwischen der orientalischen und der westlichen Welt wie keine andere. Auch ihr Charakter und die ihrer Rollen gehen diametral auseinander. Proschat Madani schwebt immer zwischen den Welten. schau Redakteurin Nina Nekoui traf die Powerfrau zum Interview:

„Die Serie ist abgedreht! Ich weiß jetzt gar nicht, was wir reden wollen, in meinem Leben passiert doch nichts Aufregendes …“. Unser erstes Telefonat hat mir schon verraten, dass Proschat Madani im wirklichen Leben wenig gemein hat mit ihren Alter Egos aus den Serien „Vorstadtweiber“ und „Walking on Sunshine“. Dass sich unser Interview dann eher in ein sehr lustiges Gespräch verwandelt hat, lag daran, dass ich mich als halbe Iranerin outete. Proschat Madani ist mit vier Jahren mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern aus dem Iran nach ­Österreich gezogen. Wir hatten also ­einiges auszutauschen über die Unterschiede, Eigen- und Besonderheiten der Österreicher und Iraner. Den öffentlichkeitstauglichen Auszug für schau gibt’s hier:

schau: Gratulation zur Romy-Nominierung!
Proschat Madani: Danke! Ich fühle mich sehr geehrt, vor allem seitdem ich erfahren habe, wer noch nominiert ist. Da dachte ich mir: „Wow, die? Und die! Die sind ja alle supertoll!“ Vielen Dank für diese Ehre!

Was sind noch so Auszeichnungen, über die Sie sich freuen?
Ich freue mich immer wahnsinnig, wenn mich fremde Menschen ansprechen und sagen: „Mir gefällt die Serie so gut“ oder „Es ist so toll, was Sie machen!“ Das sind Menschen, die mich vom Fernsehen kennen, die müssten mir das nicht sagen. Aber wenn sich jemand bemüßigt fühlt, mich auf der Straße anzusprechen, dann ist das besonders schmeichelhaft. Erstaunlicherweise sprechen mich auch viele junge Leute an, so im Alter meiner Tochter. Also Mitte 20 bis Mitte 30 – dass die überhaupt fernschauen, überrascht mich schon, und dass es ihnen auch gefällt, noch mehr! Sogar junge Burschen‚ die die „Vorstadtweiber“ schauen, sagen zu mir, dass sie die Serie so toll finden!

Proschat Madani mit ihren Kolleginnen Martina Ebm und Nina Proll bei den Dreharbeiten zu Vorstadtweiber im Gartenhotel Altmannsdorf. © picturedesk

Dass junge Männer so reflektieren, ist wirklich erstaunlich …
Ich glaube, die finden das lustig! ­Natürlich, die Frauen, die ich spiele, sind tough und teilweise böse, aber – ich hoffe, dass das auch rüberkommt, weil sonst wäre es traurig – diese Frauen haben Humor! Vor denen muss man sich nicht fürchten. Die Tina („Walking on Sunshine“) ist ja eigentlich eine verzweifelte Frau. Ihre Strategien sind zwar sehr fragwürdig, da sie teilweise bösartig sind – trotzdem finde ich sie rührend. Vielleicht denkt man sich auch, die ist nicht ganz dicht. Deswegen kann ich mir vorstellen, dass junge Männer diese Rollen witzig finden – und sie mögen natürlich generell die „Vorstadtweiber“. Es geht ja nicht nur um meine Figur. Die finden die Serie cool.

Österreichische Serien haben eher einen anderen Ruf, oder?
Stimmt, aber dieses Lokalkolorit und dass ein Land seine eigenen Serien macht, ist wahnsinnig wichtig, auch für die Gesellschaft. Nämlich, dass man sich selber auf die eine oder andere Art wiedererkennt und dass da die eigene Sprache gesprochen wird. Da steckt so viel Potenzial drinnen. Ich bin eine große Netflix-Seherin, ich liebe all diese amerikanischen und englischen Filme und Serien! Keine Frage, ich will sie auch nicht missen. Aber es braucht auch das Einheimische, alles andere kriegen wir eh von den anderen.
Machen wir uns da gerne kleiner, als wir sind?
Ja! Was ja prinzipiell sympathischer ist, als sich größer zu machen, als man ist. Aber es wäre schön, sich mal in der Mitte zu treffen und dass man das anerkennt, was gut und was verbesserungswürdig ist.
Es gibt also noch viel Potenzial …
Vor allem so viele Bereiche, die man noch nicht ausgelotet hat. Die österreichische Seele ist ja weit, ein Teil wird von den „Vorstadtweibern“ abgedeckt, einer von „Walking on Sunshine“ und so weiter, aber
da gibt’s ja Tausende Bereiche, in die man noch eintauchen könnte und die erforschens- und am Ende sehenswert wären.
Zum Beispiel?
So was wie in die österreichische Provinz zu gehen. Da gibt es ohnehin schon einiges, aber ich kann mir vorstellen, dass es da noch viele unentdeckte Seelen gibt!

Proschat Madani mit Robert Palfrader bei den Dreharbeiten zur ORF-Serie „Walking on Sunshine“ im Ö3-Haus, das als Kulisse für die Wetterredaktion dient. © ORF/Hubert Mican

Würden Sie sich gerne was von einer Ihren Rollen abschneiden? Ein bisschen Tilia Konstantin?
Ja, dauernd! Das würde mein Leben unglaublich erleichtern. Ich überlege mir zehn Mal, ob ich mich so oder so verhalten soll, damit ich andere nicht vor den Kopf stoße. Ich kann etwa sehr schlecht Nein sagen, wenn man was von mir will. Dann bin ich selber so im Stress, nur um es dem anderen recht zu machen. Das Problem haben die Figuren, die ich spiele, gar nicht. Eine Scheibe Tina von den „Vorstadtweibern“ oder Tilia Konstantin hätte ich gerne! Deswegen liebe ich es, sie zu spielen, weil ich das Gefühl habe, da darf ich endlich Sachen machen, die ich in meinem Privatleben nie dürfte oder tue.
Ist das ein weibliches Problem?
Ja, ganz sicher! Ich komme zwar aus einer sehr weiblich dominierten Familie mit einer superstarken Mutter, die keine „Weibchenprobleme“ hat. Null. Nichtsdestotrotz kennen wir das alle. Ich denke, bei mir ist es auch das Orientalische, das so gar nicht kompatibel ist mit dem Westlichen. Ich glaube, so wie ich bin, wäre es im Iran kein Problem, weil die anderen ja auch so sind. Die wissen ganz genau, die dürfen das gar nicht von mir verlangen, selbst wenn ich Ja sage. Wenn du hier gefragt wirst, wollen Sie das machen, und ich sag Ja, dann nimmt man das als Ja. Aber im Iran ist das Ja kein Ja, sondern man sagt Ja und weiß, dass der andere Nein meint. Es ist so wahnsinnig kompliziert, was die Iraner machen, aber in ihrem System funktioniert das. Und wenn du mit diesem Konstrukt im Westen auftauchst, dann hast du ein Problem, weil die meinen Ja und meinen Nein. Und sie kapieren nicht, warum du sie nicht in Ruhe lässt, wenn sie Nein sagen und wenn sie Ja sagen, warum du nicht darauf eingehst. Bei mir kommt das eher aus der Ecke, aber ich beobachte schon im Großen und Ganzen, dass es ein Frauenproblem ist. Männer tun sich nicht so schwer dabei, Grenzen zu ziehen oder sich unbeliebt zu machen …

„Ich finde Humor ist eines der ernst zu nehmendsten Dinge im Leben“. Proschat Madani © Mirjam Knickriem

Werden bei Männern nicht auch die Grenzen eher akzeptiert?
Ja, auch wahrscheinlich. Das stimmt. Aber das liegt daran, dass wir (Frauen) sie nicht klar genug setzen. Und ich glaube, das ist für die Frauenrollen, für die ich besetzt werde, kein Thema. Die gehen auch über Leichen.
Sie imponieren vielen Frauen, wissen Sie das?
Das freut mich, weil man gebärt so eine Figur und schickt sie in die Welt und hat keine Ahnung, wie die Welt damit umgeht. Also die Welt … (lacht) – das Publikum, das sieht, was ich mache. Umso mehr freut mich, dass die Komponente der Stärke ankommt. Auch der Aspekt des Humors. Für mich ist Humor sowieso Stärke. Schwäche und Humor sind selten gemeinsam anzutreffen. Humor braucht immer die Stärke der Abstraktion: sich nochmal über etwas hinwegheben zu können und diesen Twist zu schaffen – ich lache über ­etwas, was ­eigentlich wehtut. Verzweiflung so darstellen, dass man zwar die Verzweiflung sieht, aber trotzdem den Abstand dazu hat, dass man darüber lachen kann. Und das braucht Kraft und Stärke. Ich finde Humor ist eines der ernst zu nehmendsten Dinge im Leben.

Ausschnitt aus dem Film „Die Mamba“: Madani mit Filmkollegen Michael Niavarani im Atomkraftwerk © e&afilm/Keindl Florian

Welche Rolle wartet noch darauf, von Ihnen gespielt zu werden?
Den Typ Frau, mit dem ich in den letzten Jahren besetzt worden bin, spiele ich zwar sehr, sehr gerne, aber da gibt’s jetzt keine Sehnsucht mehr danach, dauernd nur mit diesen Rollen besetzt zu werden. Es gibt zwei Seelen in meiner Brust, einerseits würde ich gern so superschräge Figuren spielen wie damals bei „Die Mamba“. Das hab ich für mein Leben gern gespielt. Am Sonntag fliege ich nach Hamburg und mache bei Ali Samadi Ahadi mit, bei seinem Zeichentrickfilm „Peterchens Mondfahrt“. Da spiele ich für die Zeichentrickfigur beziehungsweise die Computeranimation die vollkommen verpeilte Feenkönigin. Das ist so eine grazile, sanfte Königin, die dauernd alles vergisst, also absolut der Gegenpol zu den starken ­Powerfrauen. Das finde ich super. Ich habe erst gestern wieder „Alice im Wunderland“ von Tim Burton gesehen, ich liebe diesen Film. Da könnte ich jede dieser Rollen und Wesen spielen. Zum Schreien komisch und wunderbar! Die Einzige, die ich nicht spielen wollen würde, ist Alice, die ist ein bisschen fad. In Österreich gibt es so was leider gar nicht. Österreichische Fantasy wäre doch mal eine prima Idee! Oder ­österreichisches Märchen, da würde ich gerne Tierchen spielen, einen Käfer oder so (lacht). Ich hab eine große kindliche Ader und bin sehr verspielt!

In der multikulturellen Komödie „Salami Aleikum“ (2009) spielte Proschat Madani mit Michael Niavarani ein persisches Ehepaar. © picturedesk

Passt ja eigentlich perfekt zu Michael Niavarani?
Ja! Ich finde es sowieso großartig, mit ihm zu spielen. Die paar Sachen, die ich mit ihm gedreht habe, haben so einen Spaß gemacht. Weil er so ein kreativer, schlagfertiger Komö­diant ist, dessen Gehirn nochmal ganz anders funktioniert als unser eines. Damals zum Beispiel das persische Ehepaar („Salami Aleikum“), das wir gespielt haben, würde ich ja liebend gerne wieder verbraten, in einem Kabarett oder auch in einer Miniserie.
Und die andere Seele in Ihrer Brust?
Auf der anderen Seite würde ich gerne etwas vollkommen Ernstes, Natürliches, aus dem Leben Gegriffenes – nichts Verspieltes – spielen. Eine ganz normale Frau in meinem Alter, keine Powerfrau und keinen Käfer … einfach ganz normal.

Vielen Dank für das Gespräch.

Foto: © Mirjam Knickriem