Plácido Domingo feiert heuer sein 50. Bühnenjubiläum – und er steckt noch immer voller Ideen und Pläne. Im Juni bringt er seine gigantische Stadion-Version der „Aida“ nach Wien. schau traf den Superstar zum exklusiven Interview.

Plácido Domingo (76) sprüht vor Kreativität. Beim Interview merkt man, wie viel Spaß er an seiner Arbeit hat. Während andere in seinem Alter längst ihren wohlverdienten Ruhestand genießen, sucht er noch immer nach neuen Herausforderungen. Was gar nicht so leicht ist, denn im Laufe seiner Karriere hat er alles erreicht. Mit 147 gesungenen Rollen und mehr als 3.800 Live-Auftritten hält er gleich zwei Einträge im Guiness Buch der Rekorde. Jetzt bringt der leidenschaftliche Fußballfan Giu­seppe Verdis „Aida“ in die Stadien der Welt. Mit 800 Darstellern und jeder Menge Effekte und Hightech will er ein ganz neues Publikum für die Oper begeistern.

Wer ist Plácido Domingo?

Geboren wurde der Opernstar und Dirigent als José Plácido Domingo Embil am 21. Jänner 1941 in Madrid. Sein Vater war Zarzuelasänger. 1959 feierte er sein Operndebüt in Mexiko-Stadt. Domingo gilt als einer der vielseitigsten Tenöre und hat bisher 134 verschiedene Rollen gesungen. Gemeinsam mit José Carreras und Luciano Pavarotti war er Teil der „Drei Tenöre“, die international die Stadien füllten. Heute steht Domingo häufig auch als Dirigent am Pult und ist zuletzt ins Bariton-Fach gewechselt.

schau: Mit Ihrer „Aida“ kehren Sie zurück in die großen Stadien. Wie kam es dazu?
Plácido Domingo: Man hat mich darauf angesprochen und mir vorgeschlagen, das zu machen. Ich dachte mir gleich, das ist eine großartige Idee. Sie haben mich überzeugt, mit ihrer Vision einer großartigen Produktion. Mit einem gigantischen Bühnenbild, großartigen Kostümen und einem sehr, sehr großen Chor sowie einer riesigen Zahl an Statisten. Der Maßstab ist einfach enorm. Alleine die Kulissen sind mehr als 30 Meter hoch. Außerdem bin ich mir sicher, dass es einen Markt, ein Pub­likum für ein solches Spektakel gibt.

Was ist die größte Herausforderung dieser riesigen Produktion?
Sänger zu finden, die verfügbar sind. In der Opernwelt haben die meisten Künstler Dreijahresverträge. Ich selbst habe nie mehr als das akzeptiert. Ich war da immer sehr vorsichtig. Viele junge Kollegen sind da heute leichtfertiger. Die binden sich mitunter auch vier bis fünf Jahre im Voraus. Sie haben Verträge, die sie binden. Es ist also gar nicht leicht, tolle Sänger zu finden. Aber wir hatten Glück. Unser Cast ist einfach wunderbar.

Trägt die „Aida“ Ihre Handschrift oder nur Ihren Namen?
Natürlich haben wir gemeinsam daran gearbeitet und es gibt noch viel zu tun. Anfangs gab es mitunter verschiedene Auffassungen, was Bühnenbild oder die Kostüme betrifft. Aber wir haben gemeinsam das beste Team dafür ausgewählt. Außerdem haben sie mich eingeladen, einige Shows zu dirigieren.

Stehen Sie in Wien am Pult?
Ja, natürlich.

Ihr Terminkalender ist jetzt schon randvoll. Woher nehmen Sie die Kraft und Energie für ein derartiges Mammutprojekt?
Innovative Dinge begeistern mich. Ich wollte immer Dinge anders machen oder neu entwickeln. Das reizt mich. Vor allem die Tatsache, dass in unserem Publikum viele Leute sein werden, die zum ersten Mal eine Oper sehen werden, ist eine Herausforderung. Die haben vielleicht gar keine Idee, was sie erwartet. Sie kommen wegen des Spek­takels. Ich bin überzeugt, dass wir mit unserer Produktion ein neues Publikum für die Oper anziehen werden. Natürlich werden auch die echten Opernliebhaber kommen, aber mit ihnen alleine kann ich keine Stadien füllen. In die Wiener Staatsoper passen 2.000 Menschen. Um ein Stadion zu füllen, brauche ich aber 15.000, 20.000 oder 30.000 Besucher.

Wollen Sie zum dritten Mal ins Guiness Buch der Rekorde?
Ganz ehrlich? Das bedeutet mir nichts. Denn die Idee, diese Produktion zu einem Megaevent zu machen, kam ja nicht von mir. Die wurde mir zugetragen. Es war nicht so, dass ich mir gedacht habe, ich möchte jetzt eine monumentale „Aida“ machen. Die Produzenten haben mich gefragt, ob ich ihnen helfen kann. Und ich sagte: „Sicher.“

Werden Sie auch „Kino-Elemente“ in die Show integrieren?
Das stimmt. Wenn man in einem Fußballstadion inszeniert, ist das auch notwendig. Bei den Massenszenen stehen riesige Menschenmengen auf der Bühne, das wirkt auch auf große Distanzen. Aber wenn etwa Aida in einer Szene alleine auf der Bühne ist, wäre sie in diesen Dimensionen nur ein Punkt in der Landschaft. Daher sind Close-ups auf großen Bildschirmen notwendig, ­damit Stimmung und Ausdruck perfekt zur Geltung kommen.

Was ist der Unterschied zu einer Aufführung in einem Opernhaus?
Der einzige wirkliche Unterschied ist, dass wir mit Verstärkung spielen und singen. Hier habe ich einen absoluten Topmann geholt. Jerry Eade aus England macht wirklich den besten Sound, den man sich vorstellen kann. Seit vielen Jahren mischt er alle meine Konzerte und hat mir da sehr geholfen.

Bühnendesigner Manfred Waba aus dem Burgenland hat auch schon die „Aida“ im Römersteinbruch St. Margarethen in Szene gesetzt. Waren Sie jemals dort?
Leider nein. Aber ich habe viele seiner Arbeiten gesehen und die haben mich begeistert.

Wie viele Leute stehen in der größten Szene gemeinsam auf der Bühne?
Ich denke, es werden zumindest 600 sein. Es können aber auch noch mehr werden (lacht). Ich habe die Organisatoren ganz zu Beginn gefragt: „Seid ihr sicher, dass ihr das wirklich wollt?“ Die Logistik wird enorm aufwendig. Denn Statisterie, Chor und Orchester müssen in jeder Stadt dieselben sein. Die können wir nicht einfach vor Ort rekru­tieren. Das wäre undenkbar. Wir spielen die ganze Tour mit dem ­Orchester der Budapester Oper. Es wird also ein sehr großer Tross unterwegs sein. Ich frage mich immer noch, wie sie das auf die Beine stellen werden, aber sie sind sich sicher, dass alles klappt.

Was würde Giuseppe Verdi wohl zu Ihrer „Aida“ sagen?
Das ist eine gute Frage, die mir öfter gestellt wird. Ich glaube, um unsere Inszenierung wirklich zu verstehen, müsste er in unserer Zeit leben. Wahrscheinlich wäre er überwältig und würde fassungslos ausrufen: „Was, 40.000 Menschen können gleichzeitig in einer Arena meine ,Aida‘ hören?“

Ich habe Ihr Budapest-Konzert von 2016 auf YouTube gesehen. Ist Streaming ein guter Weg, junges Publikum zu erreichen? Mögen Sie die neuen Technologien?
Sicherlich mag ich das, sonst würde ich es ja nicht machen. Wissen Sie, ich mache die meisten meiner Auftritte in Opernhäusern und bin auf den bedeutendsten Festivals, wie Salzburg oder Bayreuth, aufgetreten. Ich habe alles gemacht, wovon ein Künstler, der ernsthaft für die Oper brennt, jemals träumen könnte. Diese Arbeit setze ich bis heute fort. Letztes Jahr hatte ich 65 Auftritte. Davon waren rund 58 Operntermine, der Rest waren Konzerte.

Ich werde die Bühne nicht verlassen, denn ich lebe auf der Bühne. Wahrscheinlich werde ich aber meine Opernkarriere beenden, bevor ich zu singen aufhöre. Die letzten ein bis zwei Jahre will ich nur mehr Konzerte machen. Denn die Oper ist sehr ermüdend. Für eine Produktion musst du ­zwischen sechs und acht Stunden täglich proben. Auch wenn du nur ein oder zwei Wochen probst, ist das schon eine enorme Belastung für deine Stimme. Bei Konzerten ist das anders. Du kommst hin, dein Dirigent kennt dich, hinter der Bühne wärmst du dich etwas auf, ruhst ein wenig und dann singst du das Konzert. Wenn ich merke, dass ich von der Oper zu müde werde, dann mache ich nur mehr das und werde es sehr, sehr genießen.

Hätten Sie sich zu Beginn Ihrer Laufbahn jemals eine solche Karriere träumen lassen?
Also wirklich, ich hatte keine Idee. Nie hätte ich mir eine solche Karriere erträumt und noch viel weniger hätte ich gedacht, dass ich für so viele Jahre singen würde. Es ist unglaublich.

Vielen Dank für das Gespräch!

AIDA – The Stadium World Tour

mit Kristin Lewis, Ekaterina -Gubanova, Erwin Schrott, -Ambrogio Maestri u. v. m.
Dirigent: Plácido Domingo
Regie: Stefano Trespidi
Sonntag, 18. 6. 2017, 20 Uhr
Wien, Allianz Stadion
www.aida-domingo.com
Tickets: www.wien-ticket.at

INTERVIEW: Christoph Berndl, FOTOS: Michael Rausch-Schott

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