In seinem neuen Film „Dolmetscher“ geht der „Toni Erdmann“-Superstar mit der tschechischen Theater- und Kinolegende Jirí Menzel auf Spurensuche. Ein Gespräch über das Anforderungsprofil für Altersrollen und beklemmende Erkenntnisse über NS-Täter.

schau: Hat sich seit dem Oscar-nominierten Kinoerfolg „Toni Erdmann“ Ihre Karriere verändert?
Peter Simonischek: Ach wissen Sie, das Anforderungsprofil für diese zwei Rollen ist ja so strikt und so selektiv, das Reservoir ist da nicht so groß. Je älter man wird, desto eher landen die entsprechenden Anfragen bei mir oder bei den fünf, sechs anderen, die’s da noch gibt (schmunzelt).

Enkelkinder setzen sich ja angeblich öfter mit der Generation der NS-Täter auseinander als die Kinder, wohl auch wegen der Distanz …
Das ist natürlich sehr individuell, wie weit man überhaupt bereit ist, das sozusagen in die eigene Lebensverantwortung zu nehmen. Ich meine nicht, dass man direkt verantwortlich ist, da bin ja sogar ich zu jung dafür. Aber zu entscheiden, dass das für mein Leben nicht irrelevant ist, was meine Vorfahren gemacht haben und wie sie’s gemacht haben. Und vor allem, wie sie danach dazu standen, das ist eigentlich für mich das Wichtigere. Weil auch wir wissen nicht, wie wir reagiert hätten. Das ist wirklich hinterher viel leichter, wenn man das Ergebnis kennt. Aber Leute, in der Familie, die nichts gelernt haben, die entweder ganz offen oder verdeckt genau auf diesen Schienen weiterfahren durchs Leben, da kann man nicht genug tun, um aufzuklären und wachzurütteln. In der Hinsicht haben wir Österreicher dem Waldheim einiges zu verdanken. Weil erst als dieser Deckel aufging, ist es in der breiten Bevölkerung angekommen, dass diese Opfer-Version zwar recht willkommen ist, aber eben so nicht stimmt.

Das aktuelle Problem ist ja auch, dass es für einen gewissen Teil der österreichischen Bevölkerung wieder okay ist, relativ offen mit diesem Gedankengut zu sympathisieren.
Ich muss ehrlich sagen, ich kann das nicht wirklich glauben. Vielleicht ist das ja auch naiv von mir, aber wer wirklich aktiv dafür ist, das sind doch geistig Zurückgebliebene. Diese Rechten, in dem Sinne mit Fliegerstiefeln und Glatzköpfen, das ist doch primitiv pubertär oder zumindest in der Pubertät stecken geblieben. Die jungen Leute suchen ja immer Tabus. Und wir leben in einer Gesellschaft, wo’s ja schon fast keine mehr gibt.

Die ganzen sexuellen Tabus (gähnt demonstrativ) sind doch seit 20 Jahren abgelutscht. Die Jugend wird immer die Tabus finden, wo laut aufgeschrien wird, und das ist so ein Tabu. Es ist ja verboten, die Wiederbetätigung, die Zeichen … Sicher gibt es auch ein paar „Intellektuelle“, die sich da so ein Gebäude zurechtzimmern, wie die Identitären zum Beispiel, aber das kann ich alles nicht wirklich ernst nehmen. Aber das ist vielleicht auch mein Fehler. Ich finde es sogar nachvollziehbar, dass man mit dem Staat nichts zu tun haben will, aber da muss man andere Konsequenzen ziehen. Ich kann nicht im Staat leben und das alles rundweg ablehnen. Da muss ich gehen. Aber Politik ist ja sowieso die Unterhaltungsbranche der Wirtschaft, das hat schon Frank Zappa gesagt, als er noch jung war.

Wie war die Zusammenarbeit mit Co-Hauptdarsteller Jirí Menzel?
Wunderbar, ich hab ihn wirklich lieben gelernt. Ein großer Könner, eine Legende, besonders für Theaterleute, weil, was die wenigsten wissen, ist, dass er wunderbar Komödien inszenieren kann. Peter Zadek hat ihn geholt und in Basel hat er inszeniert, bei Werner Düggelin. Das wissen aber nur die ganz Alten, so wie ich. Aber er hat in der Theaterszene einen Namen und immerhin ist er Oscar-Preisträger, er hat einen wunderbaren Film gemacht, „Scharf beobachtete Züge“, leider mit dem unglaublich unsäglichen deutschen Titel „Liebe nach Fahrplan“, das klingt wie ein Film mit Lilo Pulver und Gunnar Möller.

Die Archivaufnahmen und die Fotos im Film waren echt, nehme ich an. Wie fühlt es sich an, damit zu arbeiten?
Ja, die waren leider echt. Das lässt einen überhaupt nicht kalt, man fasst es nicht. Man sieht im Fernsehen die Bilder von Boko Haram mit Bart und Zigarette im Pick-up Leichen nachschleppen. Ich war schockiert, ich dachte, das gibt’s nicht mehr, das kann nicht sein, das ist nicht möglich. Und in Wirklichkeit muss nur die Gelegenheit stimmen und dann werden die Menschen wieder zu allem fähig. Wenn ich das sehe, diese Exhumierten … das will man nicht wahrhaben. Und weil man’s nicht wahrhaben will, werden ja Menschen wie Eichmann oder Himmler als „Monster“ bezeichnet. Aber das viel Beklemmendere ist, dass das Menschen waren. Wenn wir christlich sind, oder katholisch, jedenfalls gläubig, sind das unsere Brüder. Das sind Menschen.

Und wir schieben das natürlich weg, mit dem Wort „Bestie“, wir schmeißen sie aus unserer menschlichen Gemeinde raus. Das ist ja bequem. Aber diese Last kann man nicht einfach rausschmeißen. Das sind Menschen.

Dolmetscher

Pensionist Georg (Peter Simonischek) hält sich immer noch für -einen Lebemann. Eines Tages steht der 80-jährige Ali Ungár (Jirí Menzel) vor der Tür und will Rache am Tod seiner Eltern nehmen: Sie waren Opfer von Georgs Vater, dem SS-Offizier Kurt Graubner. Georg wird klar, dass er viel zu wenig über ihn weiß. Gemeinsam brechen die zwei alten -Herren, die unterschiedlicher nicht sein könnten, in die Slowakei auf, um letzte lebende Zeitzeugen aufzustöbern. Ein Roadmovie. Ab 22. Juni im Kino

INTERVIEW: Julia Pühringer, FOTO: © Titanic, InFilm, coop99

Das könnte Sie auch interessieren

Werner Auer: Ich liebe Abwechslung Künstlerisches Organisationstalent: Als Obmann des Theaterfests Niederösterreich bringt Werner Auer mit viel Fingerspitzengefühl 20 Sommerbühnen unter...
12 Gesichter, 12 Geschichten Der Kalender „12 Gesichter, 12 Geschichten“ unterstützt die Österreichische Krebshilfe Burgenland. Jeder Kalendermonat ist einer Frau gewidmet, die an...
Frank Sinatra: He Did It His Way – drei Mal auch in Wien Am 14. Mai jährte sich Frank Sinatras Todestag zum 20. Mal. Drei Konzerte führten „Frankie Boy“ im Laufe seiner Karriere in die österreichische Bundes...
Ina Regen: Der Erfolg hat mich total überrascht Ihre gefühlvolle Klavierballade „Wie a Kind“ war der Überraschungshit des letzten halben Jahres. Im Dialekt ersang sich Ina Regen via YouTube im Nu ei...
Share This