Zwischen Swing und Wiener Schmäh: Charakterdarstellerin Nina Proll im Gespräch über ihr neues Musikprogramm „Vorstadtlieder“, über Zweideutigkeiten und Nachholbedarf.

„weu ned a jeder hat für sowas des Talent“, besang Georg Danzer seinen legendären Vorstadt­casanova. Schauspielerin Nina Proll hat zahlreiche Talente und lebt sie auch alle hemmungslos aus: Der „Vorstadtweiber“-Star arbeitet nicht nur an der Fortsetzung der Serie, sondern auch noch an der Verfilmung ihres ersten eigenen Drehbuchs. Zwischendurch hat sie ihr neues Song-Programm erarbeitet. Weil: So viel Zeit muss sein.

Was war Ihre erste CD?
Whitney Houston, „Greatest Love of All“.

Fällt das unter „guilty pleasure“, ein heimliches Vergnügen quasi?
Was sind guilty pleasures? Ich habe nur pleasures ohne guilt.

Wenn alles grad super oder beschissen läuft, welche Musik läuft dann bei Ihnen so richtig laut? Und: Ist Musik überhaupt eine Lösung?
Alles! Das geht von Parov Stelar über Lana del Rey und Pink Martini bis Britney Spears. Ich habe einen ziemlich kommerziellen Geschmack. Und ja, Musik ist definitiv eine Lösung.

Was fasziniert Sie an der Musik der 1920er und 1930er Jahre? Sie haben sich damit bereits auf dem Album „Lieder eines armen ­Mädchens“ befasst …
Die einzigartigen Texte und die ­besondere Melancholie.

„Vorstadtlieder“ ist bereits das zweite Programm, das Sie gemeinsam mit Ihrem Mann erarbeiten – gibt’s da keine Differenzen? Wenn ja, welche?
Musikalisch habe ich ziemlich konkrete Vorstellungen von dem, was ich machen will und kann. Da lass’ ich mir wenig dreinreden. Aber was Inszenierung, Kostüme, Dramaturgie etc. betrifft, höre ich schon auf meinen Mann und lasse mir durchaus auch was sagen.

Was zeichnet die Vorstadt musikalisch aus? Ist da die Musik erdiger, ehrlicher, auch „tiafer“, oder ist das nur ein Klischee?
In erster Linie der Humor, der immer leicht ordinär und zweideutig ist.

Stimmt die Vermutung, dass Ihnen bei der Auswahl eines Stücks der Schmäh wichtig ist? Bzw. wie wichtig ist es, sich „gerade in Zeiten wie diesen“ kein Blatt vor den Mund zu nehmen?
Ganz ehrlich: Ich halte nichts davon, alles zu sagen, nur weil man es darf. Ich muss niemanden beleidigen oder vorführen, nur weil ich die Möglichkeit dazu habe. Wenn die freie Meinungsäußerung unsere einzige Errungenschaft ist, ist das sehr traurig. Witz, Intelligenz, Wohlwollen und Respekt anderen gegenüber halte ich für deutlich wichtiger.

Diesmal haben Sie bei der Show TänzerInnen dabei, Sie haben selbst Musical studiert: Ist eine Showtreppe ein guter Ort zum Sein? Lieben Sie Show-Kostüme?
Absolut! Das ist definitiv einer der schönsten Orte der Welt!

Texte von Frauen bzw. aus Frauenperspektive – war Ihnen das ein Anliegen oder ist das zufällig so bei der Zusammenstellung des Programms passiert?
Das ist mir tatsächlich ein Anliegen und eigentlich auch der Motor, warum ich begonnen habe, selbst zu schreiben. Da gibt es ziemlichen Nachholbedarf für uns Frauen.

Ist ein Leben ohne Wien möglich? Auch rein musikalisch?
Für mich nicht. Da kann ich nur den Text aus „Wien, Wien, nur du allein“ zitieren: „Müsst ich einmal fort von dem schönen Ort, dann nähm meine Sehnsucht kein End!“

Gibt es musikalische Grenzen für Sie? Dinge, die Sie nie singen würden? Oder sehen Sie das eher demokratisch?
An Oper würde ich mich definitiv nicht herantrauen. Das kann ich einfach nicht.

Ganz ehrlich: Wieso tun Sie sich das an, neben den Dreharbeiten, dem Pendeln? Gehört Musik einfach dazu?
Weil ich die Möglichkeiten, die sich mir momentan bieten, einfach zu schätzen weiß und diese auch nutzen will. Wann, wenn nicht jetzt?

Sie arbeiten gerade an der Ver­filmung Ihres ersten eigenen Drehbuchs – können Sie uns da schon ein bisschen etwas ­verraten?
Der Arbeitstitel ist „Komplett von der Rolle“, das Drehbuch habe ich gemeinsam mit Ursula Wolschlager geschrieben. Sabine Derflinger, auch Regisseurin bei „Vorstadtweiber“, führt Regie und wir sind gerade mitten in den Dreharbeiten. Es handelt sich um eine klassische Romantic Comedy zwischen einer egomanischen Schauspielerin, die ich spiele, und einem bodenständigen Feuerwehrmann, der von Murathan Muslu gespielt wird. Dann gibt es noch meinen sexsüchtigen Vater, gespielt von Uwe Ochsenknecht, und einen Psychotherapeuten, den Robert Palfrader darstellt. Wir drehen noch bis 13. August und hatten eine großartige Zusammenarbeit mit der Wiener Feuerwehr, die uns unterstützt hat, wo es nur ging. Kinostart wird nächstes Jahr sein.

„Vorstadtlieder“

Nina Proll samt siebenköpfiger Band und Tänzertruppe singt und tanzt, swingt und blödelt sich in ihrem Programm von Helene Fischer bis Cissy Kraner, von Seiler und Speer bis zum „G’schupften Ferdl“.

17.11. VAZ St. Pölten
18.11. Arena Nova Wiener Neustadt
26.11. Museumsquartier, Halle E

INTERVIEW: Julia Pühringer, FOTO: Günther Egger

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