Sicherheit und Stabilität in einem Land aufrecht erhalten, in dem auch 18 Jahre nach einem blutigen Bürgerkrieg mit 13.000 Todesopfern einander die Mehrheit der Kosovo-Albaner und eine serbische Minderheit unversöhnlich gegenüber stehen. Für die Soldatinnen und Soldaten bedeutet das enorme Belastungen. Körperlich, vor allem aber auch psychisch.

Skype kann die Familie nicht ersetzen.“ Sagt Oberstleutnant Stiegl­mayer. In Film City, dem Hauptquartier der KFOR in Priština auf 500 Metern Seehöhe, fehlt es den Soldaten an fast nichts. Gratis Internet, Cafés und Restaurants. Im PX-Store der US-Armee bekommt man Levi’s Jeans um 32 Euro. Ein Fitnesscenter, das John Harris popelig aussehen lässt, steht jedem zwischen 6 und 22 Uhr zur Verfügung. Trotzdem sind die täglichen Kontakte in die Heimat für unsere Bundesheer-Angehörigen im Ausland unendlich wichtig. Neben Internet und A1-Handynetz ist das Feldpostamt mit der Postleitzahl 1503 als Verbindung in die Heimat unentbehrlich.

Die Motivation, sich freiwillig für den Kosovo-Einsatz zu melden, ist für viele, das, was man in der Ausbildung gelernt hat, praktisch anzuwenden. Hier ist Soldat-Sein echt, keine Übung. Bis zu 6.000 Euro Sold im Monat sind allerdings auch verlockend. So mancher hat im Auslandseinsatz den Grundstock fürs Eigenheim gelegt, denn viel Geld ausgeben kann man hier nicht.

Gefährliche Mission

40.000 Minen, 30.000 Schuss Uranmunition, rund 1.300 Streubomben. Seit Ende der Kampfhandlungen 1999 ist die KFOR mit dem Beseitigen der Kriegsrelikte beschäftigt. Erst vor wenigen Wochen ist wieder ein einheimischer Schafhirte ums Leben gekommen. Major Mössler ist Kommandant der Kampfmittelabwehr. Mit Spürhund, schwerem Schutzanzug, Röntgengerät und einem Spezialroboter geht es dabei nicht nur um Blindgänger aus dem Bürgerkrieg. Rege Bautätigkeit fördert auch Relikte aus den Weltkriegen zutage. Nach wie vor schwelende Konflikte im Land bedeuten neue Bomben und Handgranatenanschläge. So wurden im August ein Radiosender sowie die berüchtigte Austerlitzbrücke in Mitrovica angegriffen. Die Brücke über den Fluss Ibar ist Symbol für den faktisch gespaltenen Kosovo.

Warum wir hier sind

Die Antwort auf diese Frage finden wir nicht nur im Kosovo selbst. Ganz aktuell finden wir sie beim südöstlichen Nachbarn in Mazedonien. Anfang August war es zu einer Hochwasserkatastrophe gekommen. Österreichische und Schweizer KFOR-Soldaten rückten mit schwerem Bergegerät an, um der örtlichen Bevölkerung beim Wegräumen der Schlammmassen zu helfen. Das war nicht nur eine humanitäre Leistung, sondern führt auch dazu, dass die Menschen in dieser Region Sicherheit fühlen und so nicht zu neuen Flüchtlingen oder gar Terroristen werden. Denn diese Gefahr besteht, so Verteidigungsminister Hans Peter Doskozil am Rand des Kosovobesuchs. 60 bis 70 Prozent Jugendarbeitslosigkeit und viele ungelöste ethnische Konflikte. Ein bitterarmes Land, in dem der Wideraufbau nur langsam vorangeht. Ohne KFOR würde der Vulkan, der hier brodelt, längst wieder ausgebrochen sein.

Frau Wachtmeister setzt sich durch

„Do not move! Do not move! Stay down! Stay Down!“ Die kräftige Männerstimme des Militärpolizisten geht einem durch Mark und Bein. Plötzlich reißt ein Militärhund den vermummten und mit einem Messer bewaffneten Angreifer um. Eine junge Militärpolizistin kommt dazu und legt ihm routiniert Handfesseln an. Diesmal war es nur eine Übung. Tägliches Einsatztraining gehört auch im Auslandseinsatz dazu. Ansonsten sind Patrouillenfahrten und Fahrzeugkontrollen, Personenschutz sowie Aufgaben im Auftrag der österreichischen Staatsanwaltschaft das tägliche Geschäft, erzählt Wachtmeisterin Eva Ferris. Die Wienerin ist mit einem Engländer verheiratet. Bei nur 20 Urlaubstagen sieht man sich selten, dafür aber intensiv. Qualität vor Quantität, erklärt sie das Erfolgsrezept ihrer komplizierten Fernehe. Mit der mehrheitlich muslimischen Bevölkerung hier im Kosovo hat sie kaum Probleme, auch die Männer begegnen ihr mit Respekt. Ferris: „Ich muss sagen, die negativsten Erfahrungen mache ich mit Trunkenheit bei den eigenen Soldaten.“ Vor allem zu Weihnachten, wenn der eine oder andere noch mehr Heimweh bekommt. Da gilt es dann mit Hausverstand vorzugehen und nicht gleich mit 180 hineinzupreschen. Die internationale Militärpolizei muss sich auch um die traurigsten Aufgaben innerhalb der KFOR kümmern: Jedes Jahr nehmen sich ein bis zwei Soldaten hier das Leben. „Bedenkliche Todesfälle“ nennt man das im Armeejargon.

Es wird noch lange dauern

Der Kosovo hat 2008 seine Unabhängigkeit von Jugoslawien proklamiert. 112 Staaten haben das bislang anerkannt. Bei den Olympischen Spielen in Rio hat Nora Gjakova Gold im Judo für den Kosovo errungen, die Fußball-Nationalmannschaft in der WM-Qualifikation ein 1:1 gegen Finnland herausgeholt. Serbien sowie die UN-Sicherheitsratmitglieder Russland und China anerkennen den Staat aber nicht. Auch nicht die KFOR, die Grenze zu Serbien wird daher militärintern auch nur als „administrative Grenzlinie“ bezeichnet. Nur so ist es möglich, dass die NATO-geführte internationale Truppe von den Serben anerkannt wird. Im Streit um das Kosovo-Montenegro-Abkommen hat die Opposition das Parlament mit Tränengas lahmgelegt, auf den Straßen gerieten Polizei und Demonstranten aneinander.

Auch wenn sich die KFOR weitestgehend zurückhält, meistens den kosovarischen Sicherheitskräften sowie der EULEX, der EU-Mission aus Exekutivbeamten und Richtern, die Durchsetzung der Sicherheit im Land überlässt, ist an einen Abzug noch lange nicht zu denken. Die KFOR ist keine Besatzungsmacht, sie ist eine internationale Schutztruppe.

Und sie schützt nicht nur die Bevölkerung im Kosovo, sie schützt auch und vor allem die Sicherheit Europas und damit Österreichs.

TEXT: Stephan Andrejs, FOTO: Bundesheer/Pusch

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