„Luxusgut“ Lehrlinge: Eine aktuelle Studie behandelt die Lehrlingssituation in Österreich. schau hat ein Interview mit dem Autor geführt und zwei Veranstaltungstips parat.

Knapp 107.000 junge Menschen befanden sich laut Wirtschaftskammer Ende 2016 in Österreich in einer Lehre. Zwei Drittel davon waren Burschen, ein Drittel Mädchen. Zu den beliebtesten Lehrberufen zählen traditionell Metalltechnik, Elektrotechnik und Kfz-Technik (männlich) sowie Einzelhandel, Bürokauffrau und Friseurin bzw. Stylistin (weiblich).

Noch immer hat die Lehre mancherorts ein relativ schlechtes Image. Die heimischen Lehrlinge sind aber laut einer im Frühjahr präsentierten Umfrage unter rund 900 Lehrlingen zufrieden. Das Ergebnis: Neun von zehn fühlen sich an ihrem Arbeitsplatz wohl. Ist Österreich also ein guter Boden für Lehrlinge? Ist unser Land gar ein Lehrlingsparadies?

Erfreuliche Daten

Im europäischen Vergleich (EU-28-Länder) stehen wir ja nicht schlecht da. Im Vorjahr befand sich unser Land bei Indikatoren – wie beispielsweise der Jugendarbeitslosigkeit – mit vergleichsweise günstigen Werten nach Platz 2 im Jahr 2015 erneut im Spitzenfeld. Dieses und andere Ergebnisse gehen aus einer aktuellen Studie des ibw (Österreichisches Institut für Bildungsforschung der Wirtschaft) über die Lehrlingssituation hervor, die im Oktober veröffentlicht wird.

Seit dem Jahr 2000 erstellt das ibw jährlich die Publikation „Lehrlingsausbildung im Überblick“, welche eine fundierte und umfassende Datensammlung betreffend verschiedenster Aspekte der Lehrlingsausbildung darstellt. Studienautor Helmut Dornmayr gab dem schau-Magazin vorab schon einen kleinen Einblick in die aktuelle Version.

schau: Zuletzt belegte Österreich bei der Arbeitslosenquote der unter 25-Jährigen lt. EUROSTAT die zweitgünstigste Stelle hinter Deutschland. Können wir diese Position halten?
Helmut Dornmayr: Grundsätzlich lässt sich aber erwarten, dass die Arbeitslosenquote der unter 25-Jährigen in Österreich – relativ gesehen – niedrig bleiben wird, ­vermutlich in den nächsten Jahren ­sogar spürbar sinken wird. Das hat vor allem mit der demografischen Entwicklung (geringe Zahl an unter 25-Jährigen) und den guten Konjunkturprognosen zu tun.

Was macht Österreich im Bereich Lehrlinge besser als andere EU-Staaten? Sind das die positiven Auswirkungen der dualen Lehrlingsausbildung in Betrieb und Berufsschule?
Ja, die duale Ausbildung in dieser Form und in dieser Qualität und quantitativen Bedeutung gibt es ja fast nur in den deutschsprachigen Ländern. Die besondere Stärke der dualen Ausbildung ist die direkte Verbindung zum Arbeitsmarkt und die praxisnahe Ausbildung in Form des „training on the job“.

Dennoch tun sich Unternehmen mitunter schwer, qualifizierte Lehrlinge zu finden. Liegt es Ihrer Einschätzung nach an der mangelnden Vorausbildung im Pflichtschulbereich (Basisqualifikation) oder gibt es dafür auch Gründe (Demografie)?
Die Basisqualifikationen sind natürlich ein Thema. Speziell auch praxisnahe und praxisrelevante Mathematikkenntnisse. Und natürlich auch die Deutsch- sowie Englischkenntnisse.

Aber der Hauptgrund liegt wohl in der demografischen Entwicklung, dass die Zahl der 15-Jährigen so stark zurückgegangen ist und dadurch auch die Konkurrenz vor allem der höheren Schulen stärker geworden ist, die auch ihre Kapazitäten ausschöpfen wollen.

Welche Möglichkeiten gibt es, um hier gegenzusteuern?
Wichtig wäre insbesondere die Integration der Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Ein viel zu ­großer Teil von ihnen beginnt nach der Pflichtschule gar keine weiterführende Ausbildung, ein weiterer großer Teil bricht diese vorzeitig ab.

In welchen Branchen ist das Angebot an Lehrlingen gut gedeckt und wo gibt es ganz akuten Bedarf?
Ganz besonderen Bedarf an Lehrlingen gibt es etwa im Gastgewerbe/Tourismus. Dieser Bereich leidet auch unter den Arbeitszeiten, die sich natürlich am Freizeitverhalten der Kunden (das heißt auch abends und am Wochenende) orientieren müssen.

Wie wird sich die Situation auf dem Lehrlingsmarkt, aus heutiger Sicht, in fünf, zehn oder 15 Jahren entwickelt haben und welche Weichen müssten bereits heute entsprechend gestellt werden?
Es ist zu befürchten, dass der Mangel an Lehrlingen relativ konstant bleibt und dass dies mittelfristig zu einem massiven Mangel an Fachkräften führt.

Welche Lösungen gibt es dafür?
Es bedarf verschiedener Weichenstellungen. So muss beispielsweise die Pflichtschulausbildung und die Integration von Jugendlichen mit Migrationshintergrund verbessert werden. Weiters ist wichtig, die Lehre weiter zu attraktivieren. Stichwort Gleichstellung mit höheren Schulen/Unis (z. B. Lehrlingsstipendien für sozial bedürftige Lehrlinge wie Ältere, Familienerhalter, Flüchtlinge, die nicht mehr bei den Eltern wohnen können und von der Lehrlingsentschädigung keinen eigenen Haushalt finanzieren können). Damit könnte auch die Mobilität der Jugendlichen unterstützt werden, die dann eher in Tourismusgebiete übersiedeln würden.

Sehr interessante Vorschläge …
Es gibt noch mehr: Die Aufstiegs- und Karrieremöglichkeiten sollten durch Angebote der höheren Berufsbildung im Tertiärbereich verbessert werden. Das Vorbild ist hierfür die Schweiz. Und last but not least ist es unerlässlich, dass einer qualitätsvollen handwerklichen Arbeit viel mehr gesellschaftliche und ökonomische Anerkennung zuteil wird.

Vielen Dank für das Gespräch!

„10.000 Chancen“ beim Speed-Dating für Lehrlinge

Damit Unternehmen und Lehrlinge zusammenfinden, werden immer ­innovativere Ideen gefunden. Lehrstellen per Speed-Dating zu vergeben, heißt das Motto bei der Initiative „10.000 Chancen“. Bewerber haben die Möglichkeit, an einem
Tag bis zu 30 Vorstellungsgespräche zu absolvieren.

Jeder bekommt sieben bis zehn ­Minuten Zeit, sich bei jedem einzelnen Unternehmen zu bewerben. Der erste Bewerbungstag im Mai war ein voller Erfolg. Am 13. November ­veranstaltet „10.000 Chancen“ das nächste Speed-Dating der besonderen Art. Die teilnehmenden Firmen werden insbesondere aus dem Handel, aber auch aus der ­Industrie kommen.

www.10000chancen.com

Tag der Lehre+

Ganz um das Thema Lehrausbildung dreht sich der „Tag der Lehre+“ am 18. und 19 Oktober im Wiener MAK. Auch heuer wird die Veranstaltung wieder von rund 50 der besten Unternehmen und Institutionen getragen. Erwartet werden rund 7.000 Besucher, die sich an den Messeständen der Partner und beim ­abwechslungsreichen Bühnen­programm informieren können.

Die am „Tag der Lehre+“ seit zehn Jahren einzigartige Mischung aus ­Information und Unterhaltung soll motivierte und engagierte Jugend­liche für die duale Ausbildung begeistern und direkten Kontakt zu den besten Ausbildungsunternehmen des Landes herstellen. Wie gewohnt sind auch Österreichs gefragteste Experten in Sachen Lehrstellen­beratung wieder am „Tag der Lehre+“ ­vertreten.

www.tag-der-lehre.at

TEXT: Michael Krause, FOTO: Lidl Österreich

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