Kindergärten, Müllverbrennungsanlagen, Wohnhäuser, Autobahnraststätten und sogar eine Brauerei. Rund um den Globus stehen an die 50 Objekte, die nach den Visionen des Malers Friedensreich Hundertwasser errichtet wurden, doch geplant hat sie nahezu alle ein ehemaliger Mitarbeiter der Stadt Wien – der Architekt Peter Pelikan.

Wie ein Drache windet  sich der vergoldete schiefe Turm in Richtung Innenstadt und krönt die „Blaue Villa“ auf dem Gelände der Brauerei Kuchelbauer im bayerischen Abensberg. Das Objekt selbst, das „Kunsthaus Abensberg“, beherbergt eine nahezu vollständige Sammlung an Originalgrafiken des Malers Friedensreich Hundertwasser bis hin zu den Rotaprint-Lithografien des Künstlers, die erstmals 1952 im Vienna Artclub gezeigt und ­damals pro Mappe um 10 Schilling angeboten wurden.

Geschwungene Ziegelmauern, Durchblicke, Nischen, Keramiksäulen, bunte Fliesen, ein vergoldeter Nussbaum und eine riesige Eiche verzaubern das ehemalige Wohnhaus des Brauereieigners Leonhard Salleck – in eine Welt voll Harmonie und Einklang, an der sich die am Bau beschäftigten Handwerker rasch „infizierten“ und mit ihren Ideen in der Bauausführung oft persönlich weiterinterpretierten. Vorausging dem Ganzen der 35 Meter hohe „Kuchelbauerturm“, der in Massen Besucher anzieht und längst zum geheimen Wahrzeichen von Abensberg geworden ist.

50 Märchenwelten rund um den Globus

Der Schöpfer dieser Märchenwelten ist aber nicht, wie leicht zu vermuteten, Friedensreich Hundertwasser, sondern der Wiener Peter Pelikan, den 1981 der Zufall zum Weggefährten des Malers machte. Denn wäre es rund um die Fassadengestaltung des Wiener Hundertwasserhauses zwischen dem Maler und dem mit der Bauausführung beauftragten ­Architekten Josef Krawina nicht zum Bruch gekommen, hätte Pelikan Friedensreich Hundertwasser vermutlich nie kennengelernt und das Hundertwasserhaus vielleicht ganz anders ausgesehen.

Pelikan, der als junger Architekt beim Wiener Magistrat für die Bäder zuständig war, meldete sich nach dem Ausfall von Krawina freiwillig, sprang ein und verstand, Hundertwassers Phi­losophien rund um Fensterrecht, Dachgrün und den Bruch mit den nach Ansicht Hundertwassers „gottlosen“ geraden Linien still und ohne Geltungsdrang umzusetzen.

Impuls kam von Leopold Gratz

„Der Wiener Bürgermeister Leopold Gratz war es“, erzählt Peter Pelikan, „der den Impuls gab, den Maler Hundertwasser nicht weiter anzufeinden, und der Ansicht war, dass es umsichtiger wäre, ihm doch die Möglichkeit zu geben, seine Visionen als Impulse für die Gesellschaft umzusetzen. Was wir heute rund um Dachgärten, Terrassen, begrünte Innenhöfe & Co kennen, war damals kein Thema in Wien.

Da hat Hundertwasser viel ausgelöst, mit dem Haus in der Kegelgasse – nicht nur dass es zu einem beachtenswerten Tourismusmagneten Wiens wurde“, erzählt Peter Pelikan weiter, den wir für unser Interview in der „Alten Schmiede“ seines Zweitwohnsitzes in Schönberg am Kamp trafen, die er selbstlos ganz ohne Gage zu einer Mischung aus Vinothek, Event­location und Galerie umbauen ließ. ­Darüber hinaus wurde dort auch ein Heimatmuseum eingerichtet, in dem man die Zeit, in der das Kamptal die große „Sommerfrische“ erlebte, noch einmal Revue passieren lassen kann.

Nachbarschaftshilfe

Ja, sogar die alten Sommerbäder in Stiefern und Plank am Kamp ließ er im Schulterschluss mit Freiwilligen nach dem großen Hochwasser von 2002 neu auferstehen. Mit seiner unkonventionellen Kreativität infizierte Pelikan den halben Ort. Da gestaltete er schon einmal einen Kachelofen, gab einer grauen Hausfassade mit wenig Aufwand, viel Fantasie und kräftig neuer Farbe ein neues Antlitz oder schaffte in Weinkellern ein völlig neues Raumgefühl. Ganz zu schweigen von seinem privaten Wohnhaus, das er im Ortsteil Stie­fern mit seiner Frau Erika teilt. Da gibt es überall interessante Durchblicke, Winkel, gemütliche Ecken und spannende Aussichten. Egal ob Küche, Arbeitsplatz oder Schlafgemach.

Alles scheinbar „Hundertwasser“ – doch Eingeweihte wissen: Seit Pelikan und Hundertwasser Freunde wurden, ist in nahezu jedem Bauprojekt, das nach Hundertwasser aussieht, ganz viel Pelikan drin. Ein Großteil der über den ganzen Erdball verstreuten Hundertwasser­häuser, Tankstellen, Kindergärten, Türme und Museen entstand am Zeichentisch von Peter Pelikan, der, nachdem er seinen Architektenjob bei der Stadt Wien gekündigt hatte, ganz im Sinne des Malers und dessen Management agierte. Übrigens: Erika ist die, die sich bei den Pelikans um die Finanzen kümmert, und sie war es letztlich auch, die dafür sorgte, dass auf den „Hundertwasserhäusern“ auch Pelikan steht.

„Hundertwasser war ein Maler und setzte mit seinen Visionen Impulse, die das Leben in der Stadt bis heute positiv beeinflussen. Dachgärten, Fenstergrün, Bäume auf den Häusern – ausgelacht hatte man Hundertwasser dafür, als er seine Ideen 1972 in der Fernsehshow ,Wünsch dir was‘‚ erstmals einem großen Pub­likum präsentierte. Heute ist das alles selbstverständlich. Selbstverständlich waren das spannende Visionen, doch war Hundertwasser weder Baumeister noch Architekt. Pläne und Statik waren ihm egal. Viel lieber schaute er sich Modelle oder Zeichnungen an und ließ mich absolut frei arbeiten“, erinnert sich Peter Pelikan.

Auch mit den Entwürfen für die Rogner-Therme in Blumau, den Kuchlbauerturm in Abensberg, den Pelikan ursprünglich für Japan mit einer Höhe von über 100 Metern konzipiert hatte, das Kunst Haus in Wien oder die „Kinderabenteuerwelt“ in Osaka entsprach Peter Pelikan den Vorstellungen des Ausnahmekünstlers.

Ja, und wer mit dem Schaffen Peter Pelikans hadert, ohne das besondere Gefühl seiner Raumkonzepte je ­kennengelernt zu haben, sollte vielleicht einmal einen Abstecher in die „Alte Schmiede“ nach Schönberg am Kamp oder einen Ausflug zum „Kuchlbauer“ nach Abensberg in der Nähe von Regensburg machen. Da hat man Gelegenheit genug zu verstehen, wieso Pelikan den Visionen Hundertwassers bis heute treu geblieben ist. Mit etwas Glück trifft man dort vielleicht sogar Peter Pelikan selbst an und kann bei einem Glas Wein mit ihm über jene Zeit plaudern, als begrünte Dächer und Fassaden noch tabu waren.

Alte Schmiede

Schönberg am Kamp
Hauptstraße 16
3562 Schönberg am Kamp
Sa, So, Ftg 11–18 Uhr
www.alteschmiede-schoenberg.at

Kuchlbauer Bierwelt

Kunsthaus Abensberg
93326 Abensberg
Führungen
April bis Oktober 10–19 Uhr
November bis März 11–17 Uhr
www.kuchlbauer.de

TEXT: Rudolf Mathias, FOTO: KunstHausAbensberg – ein Architekturprojekt von Peter Pelikan, Foto Brauerei zum Kuchlbauer GmbH & Co KG, Abensberg

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