Mit dem Lebensmotto von Hansi Lang lebt es sich erfüllter. „Vorstadtweiber“-Darstellerin Hilde Dalik über neue Projekte, Lebenserkenntnisse und die Erfolgsgeschichten ihrer Schützlinge – unbegleiteter Flüchtlinge, mit denen sie 2015 ein Theaterprojekt startete.

Schon wieder – noch immer – ist das Flüchtlingsthema in Österreich Polit-Radau-Thema Nummer eins, ein Ablenkungsmanöver von anderen Schauplätzen, Bedrohungen, Kürzungen. Schauspielerin Hilde Dalik kennt sich aus. Sie ist 2013 kurzerhand selbst zur Tat geschritten und hat mit unbegleiteten jugendlichen Flüchtlingen Theater gespielt (und geurlaubt). 2014 war Premiere des gemeinsam erarbeiteten Stücks „Romeo & Julia freestyle“. Noch immer ist man in Kontakt, die gemeinsame Arbeit war der Beginn einer beeindruckenden Erfolgsgeschichte – auch wenn für künstlerische Projekte genau deshalb keine Zeit mehr bleibt.

„Die meisten machen inzwischen eine Ausbildung. Zwei machen eine Tischlerlehre bei ,Art for Art‘ und bauen Bühnenbilder fürs Burgtheater, die Staatsoper und die Volksoper. Einer hat gerade eine Lehre als Tiefbauer fertiggemacht und beginnt eine zweite als Schalungsbauer. Und ein Junge aus meiner Theatergruppe, Borhan Hassan Zadeh, hat gerade die Hauptrolle bei Karl Markovics’ Film ­‚Nobadi‘ gespielt“, sagt Dalik mit Stolz und Freude in der Stimme.

Das Laura-Gartner-Haus des Flücht­lingsdiensts, wo sich Dalik 2013 zu engagieren begann, sperrt inzwischen zu, weil es tatsächlich zu wenige Flüchtlinge gibt. „Wir wissen, dass weit weniger Flüchtlinge zu uns kommen als 2015. Das ist natürlich ein zweischneidiges Schwert, diese Leute müssen an den Grenzen zu Europa auf der Straße stehen. Sie landen dann in ganz schlimmen Flüchtlingslagern.“

Arge Dinge

Wenn man selbst geholfen hat, wie erträgt man den Hass, der derzeit verbreitet wird? Dalik ist hin- und hergerissen. „Manchmal bin ich komplett verzweifelt und frage mich: Was ist mit den Menschen los? Lassen die sich so sehr manipulieren von Aussagen, die nicht stimmen? Durchschauen die das nicht? Ist es stärker, das Gefühl, dass man miteinander leben möchte, oder macht’s mich glücklich, dass ich selber wenig hab, aber dass mein Nachbar noch weniger hat?“ Im Laura-Gartner-Haus, benannt nach der Großmutter von Otto Tausig, der das Haus finanziell unterstützt hat, hat Dalik einen kleinen Film gedreht, wobei sie gelegentlich mit den Tränen kämpfen musste.

„Das ist schön gewesen, viele Geschichten zu erfahren, die Beispiele von guter Integration und von einem guten Miteinander sind. Das sind junge Menschen, die unglaublich viele arge Dinge in ihrem Leben erlebt haben. Sie haben Familien­mitglieder verloren, sind vor dem ­sicheren Tod geflohen und sie haben ihre Schwäche in Stärke umgewandelt.“ Umso unsinniger, so Dalik, dass ­derzeit auch Lehrlinge abgeschoben werden, die mitten in der Ausbildung stehen, von österreichischen Betrieben gesucht, gefunden und ­gefördert wurden. „Man ist so baff.“ Im Grunde geht es ihr um die europäischen Werte und die Menschenrechte, „die es unter allen Umständen zu verteidigen gilt“, auch gegen jene, die nur vorgeben, ebendies zu tun.

Über Leichen gehen

Aber zurück zur bezahlten Arbeit: Hilde Dalik dreht diesen Sommer drei Projekte gleichzeitig. Der erste Block der neuen Staffel „Vorstadtweiber“ mit Harald Sicheritz ist schon in Arbeit, im Herbst wird der zweite mit Mirjam Unger gedreht, spoilern darf Dalik nicht, sie orakelt: „Es passiert etwas mit meiner Figur, Vanessa Schwarz, das sie komplett aufwachen lässt. Sie ist wirklich bereit, über Leichen zu gehen.“

„Es ist, als würde ich über eine Soap reden“, sagt sie und haut sich ab. Ist ja auch eine. In Salzburg steht sie für „Meiberger – Der Alpenkrimi“ mit Fritz Karl in der Hauptrolle als ­Gerichtspsychologe vor der Kamera. Dalik spielt dessen freundliche Nachbarin und bleibt auch hier kryptisch: „Eventuell verliebe ich mich in ihn.“ Einen dramatischen Charakterbogen kann sie jedenfalls versprechen. Mit Oliver Mommsen, Doris Schretzmayer, Hary Prinz, Eva Herzig und Krista Stadler steht sie sowohl in Krems als auch in Wien für „Mitten in mein Leben“ vor der Kamera – als Lebensgefährtin eines viel beschäftigten Mannes, der von seiner ­Schwester drei Kinder „erbt“.

Drei Drehs brauchen viel Vorbereitung, um ein Rollen-Chaos zu vermeiden, ganz im Gegensatz zum ­Theater. „Wenn man mehrere Theaterstücke gleichzeitig spielt, verwirrt das lustigerweise überhaupt nicht. Man weiß ja dann den ganzen Tag, am Abend spiele ich dieses eine Stück.“ Also heißt’s für Mehrfachdrehs die Rollen schon im Vorfeld genau zu erarbeiten.

Luxusprobleme

Plötzlich bricht beim Gespräch überbordende Liebe zu Dagmar Koller aus, die von der Make-up-Expertin ins Spiel gebracht wird. „Sie ist so cool, wie offen sie von ihrer Ehe mit dem Zilk und ihrem Leben davor erzählt.“ Wir unterhalten uns über mögliche Vorbilder fürs Alter und über Pläne für später. „So ein Haus am Meer wär schon schön. Aber nein, ich hab eigentlich überhaupt keine Pläne. Man weiß ja auch nicht, ob man alt wird. Gefallen würde mir ein großes Haus mit ganz vielen Leuten drin, auch jungen Leuten. Vielleicht in Triest, das ist nicht weit weg.“

„Wie Wien am Meer“, wende ich ein. „Und man kann guten Fisch essen“, sagt Dalik. Luxusvilla kommt in ihren Träumen keine vor. „Das ist doch komisch, wir lesen die Nachrichten aus der ganzen Welt und ­wissen, wie wahnsinnig gut es uns geht. Mit Luxus hab ich da echt ein Problem.“

Der Sinn des Lebens

Mir fällt ein, wie mir Pierre Richard („Der große Blonde mit dem schwarzen Schuh“) im Interview einmal erzählt hat, er suche sich nur mehr junge Freunde, weil ihn jeder seiner eigenen Filme daran ­erinnert, dass viele seiner früheren Freunde schon tot sind. „Ich bin ja jetzt auch schon sehr alt“, sagt Dalik lachend. Ihren Vierziger hat sie heuer gefeiert. Ein Alter, in dem man dank Lebenser­fahrung zwangsläufig schon einiges gelernt hat. Was wäre das in ihrem Fall?

„Dass man von allen Sachen ­lernen kann. Dass man ruhig Fehler machen kann und darf, das hab ich mich früher nicht getraut, da war ich ein bisschen zu schüchtern.“ Was noch? „Man soll mit allen Leuten ­reden, auch das traut man sich ja manchmal nicht. Und eine wesentliche Erkenntnis für mich war, dass die Gemeinschaft wichtiger ist als das ­Individuum. Es muss wichtiger sein, dass es allen gut geht als dass es mir gut geht. Und mir geht’s dann auch besser. Was sonst kann der Sinn des Lebens sein? Wir sind jung, wir werden alt, wir sterben, es bleibt nichts übrig. Das Einzige, was vielleicht ­übrig bleibt, sind ein paar Spuren, die man hier und da gelegt hat, oder Samen, wo vielleicht etwas Gutes draus wachsen kann. Aber was sonst?“

Wir ­witzeln. Ob das noch ein richtiges Gute-Laune-Interview wird? „Es ist entweder eh alles wurscht oder wir können allem einen Sinn im Leben geben und dann zählt eben der ­Moment.“ Was ist noch wichtig? Im Leben? Im Job? „Nur keine Angst ­haben. Das hat schon Hansi Lang ­gesungen. Daran können wir uns ein Beispiel nehmen. Trotzdem ist man noch immer viel zu gefangen. Man sollte viel mehr ausbrechen. Das muss ich auch noch lernen, glaub ich.“

Brieffreundschaft

Themenwechsel. Beim Dreh von „Die drei Musketiere“ zu Beginn der 1990er-Jahre trieb sich klein Hilde in Perchtoldsdorf am Set herum. Hat sie eher auf Charlie Sheen oder Kiefer Sutherland gehofft? Ich liege falsch, Hilde Dalik war quasi aus ­beruflichem Interesse dort. „Ich hab mit dem Regieassistenten geredet, Lee Cleary, der war auch Regieassistent von Steven Spielberg bei ‚Indiana Jones‘. Das war damals mein ­absoluter Lieblingsfilm. Es war für mich das größte Glück, dass ich Lee getroffen hab, er ist dann mein Brieffreund geworden.“

„Bei Steven Spielberg hätt ich es auch probiert, aber da kamen immer nur Briefe von seiner Assistentin zurück. Lee hat mir dann immer geschrieben, was er gerade gemacht hat, von ­seinem Dreh mit Kevin Costner. Ich kann mich noch erinnern, wie aufregend das war, wenn ein Brief oder eine Postkarte von ihm im Postkastl war. Er hat auch immer gesagt, man darf seine Träume nicht vergessen.“ Sind es nicht oft simple, beinah schlichte Stehsätze, die überraschend viel Wahrheitsgehalt haben? „So ist es. Es ist total cheesy und trotzdem stimmt’s.“

On screen

Am 30. 11. startet Eva Spreitz-hofers Film „Womit haben wir das verdient“, Hilde Dalik spielt -darin eine Nebenrolle. Mit der 4. Staffel der „Vorstadt-weiber“ ist 2019 zu rechnen.

Engagiert

Daliks Verein Chong ist ein Verein für Theater, Performance und soziales Engagement zur Förderung von künstlerischer Identität, Integration und humanitärer Hilfe.Dort engagieren sich auch Vorstadtweiber-Kollegin und Freundin Susi Stach und Michael Ostrowski.

Foto: © ORF/MR Film/Petro Domenigg

Das könnte Sie auch interessieren

Seefestspiele Mörbisch: Harald Serafin feiert Comeback in „Das Land des Läc... Der Publikumsliebling kehrt heim auf die Mörbischer Seebühne. 2019 feiert er sein Comeback in Lehárs Operette „Das Land des Lächelns“. Seine Rolle? Un...
Bodyguard im Ronacher: I Will Always Love You Kaum jemand hat damals nicht geschluchzt, als Whitney Houston wieder aus dem Flugzeug gelaufen und in Kevin Costners Arme gefallen ist. Heute darf im ...
Manuel Rubey: Passen wir auf die Demokratie auf! Schauspieler, Kabarettist und sogar Musiker: Manuel Rubey ist mit jeder Menge Talent gesegnet. Nach einem entspannten Sommer kommt der Wiener wieder v...
Wiener Metropol: 20 Jahre Peter Hofbauer Seit zwei Jahrzehnten lenkt Peter Hofbauer die -Geschicke im Wiener Metropol. Mit einem großen Fest wurde das Jubiläum des ehemaligen ORF-Unterhaltung...
Share This