Die Karriere von Elīna Garanča wirkt wie ein Märchen. Doch dahinter stecken unglaubliches Talent, Fleiß und gnadenlose Selbstkritik. Heuer lädt der Klassik-Superstar bereits zum 10. Mal zu „Garanča and Friends“ unter freiem Himmel. Im schau-Interview verrät uns die Kammersängerin, dass sie auch in den nächsten drei Jahren noch viel vorhat.

schau: Frau Kammersängerin, „Klassik unter Sternen“ findet heuer bereits zum 12. Mal statt und eine Verlängerung bis 2022 ist geplant. Hätten Sie sich zu Beginn gedacht, dass die Konzertserie so lange laufen würde?
Elīna Garanča: Ich glaube sehr oft, dass all diese Dinge nicht wirklich geschehen. Irgendwie habe ich das Gefühl, ich würde in einem Film mitspielen und merke dabei gar nicht, dass es tatsächlich mein Leben ist, in dem das alles stattfindet. Aber ich bin natürlich unglaublich stolz darauf. Es zeigt mir aber auch, dass die Zeit immer schneller vergeht. Denn erst vorgestern haben wir das 10. Jubiläum gefeiert, gestern war das 11. und heuer nun schon die Nummer 12.

Auf der Bühne von links: Gregory Kunde, Elina Garanca, Anna Pirozzi und Dirigent Karel Mark Chichon bei Klassik in Alpen in Kitzbühel © Franz Neumayr

Was war für Sie bisher die größte Herausforderung bei diesem Projekt und welcher der schönste Moment, den Sie in Erinnerung haben?
Das wahrscheinlich Schönste war, als ich zum ersten Mal zu einem Konzert an diesem besonderen Ort eingeladen wurde. Erst später kam dann dieses „Garanča & Friends“. Und ich glaube, als das Projekt meinen Namen bekommen hat, war das schon etwas ganz, ganz Besonderes für mich. Man kannte natürlich „Pavarotti & Friends“ oder „Michael Jackson & Friends“ oder irgendetwas anderes in dieser Liga. Auf einmal bekommt man so was mit dem eigenen Namen. Man fährt diesen Hügel hinauf zum Stift und sieht plötzlich sein eigenes Konzert-Poster – da wird einem schon ein bisschen warm ums Herz. Und dann natürlich die Jubiläen, wenn man nach fünf Jahren dann ein 6. Mal bekommt – und dann schließt man auf einmal das 10. Jahr ab. Denn bei diesen Festivals liegt die Überlebensrate ja zwischen drei und vier Jahren. Manchmal schafft man es nicht einmal bis zur 5. Ausgabe. Dass wir jetzt das 10. Jahr schon überschritten haben und es jetzt tatsächlich noch bis 2022 verlängert wird – das ist ein geiles Gefühl.

Kultur braucht immer auch Unterstützer. Jetzt haben Sie sehr verlässliche Partner wie die Raiffeisen Wien-Niederösterreich, an Bord. Was schätzen Sie besonders an den Haupt­sponsoren?
Ihr Interesse und vor allem ihre Geduld. Denn manchmal braucht es bei solchen Projekten eine gewisse Zeit, bis das, was man als Vision hat, heranwächst. Außerdem freut es mich sehr, dass ich von allen gehört wurde, für mein „ZukunftsStim­men“-Projekt. Dass die Raiffeisen Wien-Niederösterreich und Erwin Hameseder sofort aufgesprungen sind und wir so diese Plattform für junge österreichische Sänger anbieten können, das ist auch was ganz, ganz Besonderes. Ich bin diesem Land sehr dankbar und auch teilweise etwas schuldig, wenn man es so ausdrücken kann. Denn ich habe so viel bekommen und ich habe einfach so ein Verlangen danach, auch wieder etwas zurückzugeben. Mit dieser Initiative diesen jungen Sängern die Chance zu geben, mit so viel medialer Präsenz und dann auch noch vor 4.000 Leuten zu singen – das ist ja größer als die Metropolitan Opera in New York, wenn ich mir das so überlege, dass, man dann so eine Chance schafft. So etwas kann man ja wirklich nur mit Kulturfanatikern umsetzen und RaiffeisenWien-Niederösterreich hat sich in all diesen Jahren als echter Kultur­fanatiker bewiesen.

„ZukunftsStimmen-Gewinner“ Alexander Grassauer und Elina Garanca © Tanja Hofer

Als der heurige „ZukunftsStimmen-Gewinner“ Alexander Grassauer gesungen hat, habe ich Sie beobachtet. Da haben Sie wirklich gestrahlt. Wie sehr sind Sie emotional mit diesem Thema verbunden?
Also, eigentlich darf man es ja gar nicht sagen, aber er ist wirklich so jung, dass er mein Sohn sein könnte. Er ist jetzt genau in demselben Alter wie ich, als ich in einem kleinen Meininger Theater angefangen habe. Ich war damals auch 22 Jahre alt. Er ist ein unglaublich herzlicher junger Mann, mit einem sehr offenen Herzen. Er ist aber sehr klar in dem, was er will und repräsentiert perfekt, was der Name „ZukunftsStimmen“ in sich trägt. Es braucht einfach Zeit. Man muss dieses erste Euphorische über sich ergehen lassen und darf erstmal nicht darauf reagieren. Ich glaube, er hat wirklich eine große Karriere vor sich. Es ist sehr emotional, da ich weiß, was es heißt, ein Sänger zu sein. Ich bin eine von den wenigen, die wirklich sehr großen Erfolg haben. Aber es gibt sehr viele, die es nicht geschafft haben. Manchmal tut es mir in meinem Herzen weh, dass die Realität nicht die Erwartungen erfüllen wird, die man hat. Ich habe auch mit ihm gearbeitet und wir haben wirklich lange Gespräche geführt. Damit ich auch weiß, wie er so tickt. Wenn ich ihn dann so sehe … und ich meine, die Situation heute ist auch sehr merkwürdig. Die Presse ist da und er muss singen, mit der Kamera praktisch direkt vor dem Mund – das ist echt nicht leicht. Er hat es wunderbar gemeistert. Also wirklich ein Profi. Das spricht ja auch dafür, dass wir mit seiner Wahl richtig liegen. Er hat einen Charme und er hat eine Freiheit um sich, was für die Bühne unglaublich notwendig ist. Er wird seine Ideale mit der Zeit wahrscheinlich auch noch ein wenig abgekratzt bekommen, die Flügel werden auch meistens etwas gestutzt. Trotzdem, er ist an der richtigen Stelle. Das, was er ausstrahlt, gehört zu ihm und das gehört auch auf die Bühne.

Sie coachen die „ZukunftsStimmen“ auch persönlich. Nehmen Sie die jungen Talente dabei wirklich unter Ihre Fittiche?
Ja, so ist das. Auf jeden Fall. Alexander hat meine E-Mail-Adresse, kann mich immer anschreiben und fragen, und das hat er auch gemacht. Ich habe mit ihm auch an stimmlichen Sachen gearbeitet und er hat mich jetzt gefragt, was er singen soll. Ich habe ihm meine Meinung dazu gegeben. Er wird auch nach Gran Canaria ein­geladen, wo mein Mann der Chef­dirigent ist. Er wird eingeladen, auf einem Weihnachtskonzert zu singen, und ich will ihm natürlich auch jetzt erst einmal Zeit geben. Trotzdem behält man so eine Stimme im Auge und ich stehe zur Verfügung, wenn er mich braucht.

Elina Garanca im Dirndl bei Klassik unter Sternen © RolandRudolph

Das neue Motto der „Klassik Open Air“-Konzerte lautet „Romantik“. Wie kam es dazu und würden Sie sich selbst als Romantikerin bezeichnen?
Ich bin eine hoffnungslose Romantikerin, das muss ich ganz ehrlich ­sagen. Also mit der Zeit sind auch meine Flügelchen gekürzt worden. Ich glaube trotzdem, ein Künstler braucht diese Romantik für immer in sich. Ich schaffe mir meine ­Romantik in kleinen Momenten, bei kleinen Zwischenstopps. Ob das jetzt ein Abendessen ist in jenem ­Restaurant, in das wir seit 15 Jahren immer gehen, mein Mann und ich. Oder ob ich mir am Abend eine Kerze anzünde, mir etwas beim Room Service bestelle und in einer schönen Atmosphäre esse. Samstags mache ich auch gerne einen Kaffee und bringe ihn meinem Mann ans Bett oder anders rum. Das sind Kleinigkeiten, die sehr effektiv sein können. Es muss nicht unbedingt Venedig mit einer Gondel sein.

Also, man kann es sich auch in den eigenen vier Wänden schön machen?
Ja, sicher. Denn wenn ich nur so ­einem Traum hinterherjagen würde, müsste ich immer frustriert sein. Man schafft ja fast nie so was. Sie bezeichnen sich selbst als Ihre schärfste Kritikerin. Gott sei Dank, denke ich. Weil Ja-Sager haben wir genug.

Würden Sie sich mehr direkte Kritik auch in Ihrem Umfeld wünschen? Oder haben Sie in den Jahren ein gutes Gefühl dafür entwickelt, sich selbst zu kriti­sieren? Das fällt vielen nicht leicht.
Ich glaube, das kommt von der Ausbildung und von der Kinderstube, die Eltern den Kindern geben. Da meine Eltern selbst Musiker waren, habe ich auch ihren Alltag erlebt. Mir ist bewusst, wie viele Leute von mir leben. Ob das jetzt der Agent ist, ein Theater, das Management oder auch ein bestimmtes Event. Also an meinem Namen hängt schon vieles dran. Das schafft auch eine große Verantwortung. Da sind nur ganz wenige Leute, denen ich zu 100 Prozent vertraue oder wo das Bauchgefühl passt. Wenn mein Bauchgefühl dagegen ist, dann können auch 10.000 Menschen versuchen, mich zu überreden, dann geht es nicht. Ich mache zwar Scherze darüber, aber bei mir sind es drei Dinge: Kopf, Herz und Bauch. Die müssen im Einklang sein, eine Harmonie ­ergeben. So habe ich meine großen Lebensentscheidungen quasi immer zu dritt getroffen. Und sie haben mich bis jetzt noch nie im Stich gelassen.

Volles Publikum in Göttweig © Roland Rudolph

Sie sind nicht nur Opernstar, sondern auch zweifache Mama – wie organisiert man das?
Es ist eine Logistik. Ich glaube, wenn man die Logistik im Griff hat, kann man sehr viel schaffen. Alle künstlerischen Projekte, die wir annehmen, werden immer vorher zu Hause ausdiskutiert, um zu wissen, wo bzw. auf welchem Kontinentteil der andere Elternteil gerade ist. Ein halbes Jahr vorher wird festgelegt, wo, wann, wer und kommen die Kinder mit oder nicht. Drei Monate vorher wird alles gebucht. Also Hotels und Flüge, und das ist dann ­unveränderlich. Außer es ist eine Katastrophe passiert. So haben wir in den sieben Jahren, seitdem die ­ältere Tochter auf der Welt ist, das beste System gefunden, denn sonst wird man wahnsinnig. Wir kämpfen natürlich auch für unsere Familienzeit, für unsere Urlaubszeit, und da ist auch kein Angebot gut genug. Da sind wir strikt.

Sie haben Ihre Biografie gerade um mehr als 40 Seiten erweitert. Was kam da noch dazu?
Was ich jetzt auch im Buch beschrieben habe, sind die nächsten drei Jahre. Da möchte ich noch einmal richtig Gas geben. Da trete ich das Pedal bis zur Bodenplatte durch. Also jetzt geht’s maximal. Es sind einfach sehr viele große Rollendebüts, die anstehen. „Amneris“ war immer ein Ziel in meiner Karriere, diese Rolle einmal zu singen. Der Fachwechsel, der ist jetzt voll im Laufen. Die „Amneris“ war so meine Endstation, wo man dagegen­knallt und sagt: „Okay, da bin ich jetzt angekommen.“ Die „Kundry“ ist jetzt so quasi die Krönung. Vom Barock bis zum Wagner habe ich dann die volle Spanne ausgelebt. So sehen meine nächsten zwei, drei Jahre aus. Alles, was danach noch kommt, ist ein kompletter Bonus – und wird auch wahrgenommen. Es dreht sich natürlich vieles auch um meine Kinder. Die Große fängt jetzt an, in die Schule zu gehen. Noch können wir die Kinder ein bisschen herausnehmen, um zu reisen. Aber wenn sie dann neun, zehn oder elf Jahre alt sind, dann geht das nicht mehr. Es wird einfach schwieriger. Das geht sich bei mir auch so richtig aus. Denn meine größere Tochter ist jetzt sieben. Bis sie dann zehn Jahre alt ist, sind es genau diese drei Jahre, die ich jetzt Vollgas durchfahre.

Deshalb steht auch hier das Jahr 2022 im Kalender?
Das ist jetzt wirklich ein Zufall. Ich weiß nicht, was danach passieren wird. Aber in meinem Leben hat es sehr viele Zufälle gegeben. Vielleicht ist es auch ein Zeichen. Ich fahre jetzt so richtig durch und danach wird sich vieles zeigen. Ich fühle, dass ich noch etwas habe, das ich aus mir herausholen kann. Ob ich danach noch etwas erschaffe, weiß ich nicht.

Elina Garanca und schau Magazin-Chefredakteur Christoph Berndl © Tanja Hofer

Dann hätten Sie alle Ihre Ziele erreicht?
Ja, und so ist es auch geplant, mit diesen Debüts. Ich habe die „Aida“. Wir reden über die „Aida“ hier in Wien. Wir reden auch über die „Aida“ in London zum Beispiel oder in Paris, eine schöne Produktion, „Kundry“ hier, „Kundry“ in der Metropolitan zum Beispiel, verschiedene Aufnahmen. Ich mache eine neue Platte mit Liederaufnahmen, ich muss ein neues Liederprogramm zusammenstellen. Auch eine Platte mit Duetten ist geplant. Die „ZukunftsStimmen“ sind dabei. Ich mache auch größere Tourneen durch Amerika und Japan. Im Juni fahre ich nach Südamerika. Also jetzt wird es so richtig global.

Das klingt wirklich nach vollem Tempo.
Ja, genau. Aber es macht mir noch Spaß. Ich bin jetzt 42 und ich glaube, bis 45 geht es noch. Meine Mutter hat immer gesagt: „Bis man so richtig in der Mitte des Lebens angekommen ist, fährt man die letzten Jahre noch Vollgas.“ Bodenplatte, wie sie das nennen. Danach genießt man, wo man angekommen ist.

Da bleibt nur noch Zeit für Herzensprojekte?
Also, wir haben es gestartet. Diese „ZukunftsStimmen“ sind wirklich ein Anfang. Ich hoffe, dass sie mit der Zeit tatsächlich auch zu einer Akademie wachsen könnten. Wo man nicht nur dem Gewinner einen Preis überreicht, sondern tatsächlich dieses Mentoring eine Stufe weiter bringen kann. Wo man diese jungen Leute mit Profidirigenten, mit Profiagenten und vielleicht auch mit ­einem Psychotherapeuten zusammenführt. Denn damit ist der junge Künstler danach täglich konfrontiert. Man muss mit dem eigenen Adrenalin und der Bühnenangst umgehen können, mit der ersten Krise, mit dem Agenten. Vielleicht wird man aus einer Partie rausgenommen und erhält stattdessen keine andere. Es sind sehr viele Situationen, die den Künstlern in derzeitigen Ausbildungswegen nicht beigebracht werden. Und irgendwie habe ich so ein Gefühl, dass ich vielen Leuten da etwas mit auf den Weg geben könnte.

Vielen Dank für das Gespräch!