Man kennt ja den Spruch vom Propheten, der im eigenen Land nichts zählt. So erging es auch dem Wiener Lager, einem Biertyp, der bislang weltweit berühmt war – nur nicht in Wien.

Es wird Bier gebraut wie noch nie. Nicht nur in den großen industriellen Brauereien, sondern auch in individuellen Microbrew­eries. Spezialitäten wie Craft Beer oder India Pale Ale erobern nun auch die Getränkeregale im Handel und so manches Wiener Beisel am Eck. In kultigen Brauereien in den USA, Australien oder Großbritannien ist fast immer auch ein Wiener Lager im Angebot.

Das untergärige Bier mit der typischen Bernsteinfarbe und feinen Karamellnoten trat einst von Wien aus seinen Siegeszug um die Welt an, galt kurz nach seiner Erfindung als eines der bekanntesten und modernsten Biere überhaupt. In Österreich geriet es fast in Vergessenheit, aber jetzt feiert es sein Comeback.

„Geboren“ in Schwechat

Seine bemerkenswerte Geschichte begann 1841 in Schwechat bei Wien. Anton Dreher kombinierte die damals hochmoderne englische Mälztechnik, die hellere Malze als bisher ermöglichte, mit einer in Bayern seit einiger Zeit angewandten, unter­gärigen Braumethode. Diese hatte zwar den Nachteil, niedere Temperaturen zu benötigen, weshalb untergärige Biere bis dahin nur im Winter gebraut werden konnten und auch nicht sehr lange hielten, Dreher behob dies aber mit Kühlung durch Eis einerseits und lange Lagerung andererseits.

So hatte er das „Lager“ erfunden und die Leute schienen nur darauf gewartet zu haben. Zehn Jahre später war die Schwechater Brauerei die größte in ganz Europa. Anton Dreher junior exportierte ab den 70ern des 19. Jahrhunderts in die ganze Welt, übernahm Brauereien in der ganzen k. u. k. Monarchie, Ende des 19. Jahrhunderts hatte die Schwechater Brauerei einen jährlichen Ausstoß von 740.000 Hektolitern und war eine der größten weltweit. Eine unglückliche Erbfolge, häufige Besitzerwechsel, zwei Weltkriege samt Zerstörung der Schwechater Brauerei im Jahr 1945 einerseits, der Zuspruch für immer hellere Biere andererseits ließen das original ­Wiener Lager mit der Zeit allerdings verschwinden.

In Mexiko wurde es noch gebraut und auch das bayerische Oktoberfest-Bier galt zumindest als verwandt. Überlebt hat es allerdings dank der Craft-Beer-Brauer, die seit den 1990ern ja hinter allen ­alten, kommerziell uninteressanten Bierstilen her waren: je vergessener, desto lieber. Und aus dieser Ecke fand es in den vergangenen zwei ­Jahren auch seinen Weg zu einem neuerlichen Erfolg, ein Phönix aus der Maische sozusagen.

Comeback im Waldviertel

In Österreich startete das Lager-Comeback mit dem Hadmar Biobier der kleinen Waldviertler Brauerei in Weitra. Christian Pöpperl braute nämlich zum ersten Mal seit Langem wieder ein Bier, das ein bisschen dunkler und ein bisschen malziger angelegt war, als man das vom klassischen Märzen gewohnt war.

Die etwas größeren Brauereien sprangen auf und dann wurde es endlich auch für die wirklich Großen interessant: 2014 brachte Otta­kringer das Wiener Original auf den Markt, das definitiv nicht als ­Nischenprodukt für dubiose Bier-Nerds, sondern als Mainstream-Bier mit hoher Breitenwirkung angelegt war. Zwei Jahre später brachte dann endlich auch Schwechater, historisch gewissermaßen in der Pflicht, sein wirklich gutes Wiener Lager heraus.

Was die Kleinen aber keineswegs ­davon abhielt, Wiener Lager zu brauen, im Gegenteil und zum Glück, denn in den Brauküchen und Kreativ-Labors kann natürlich ganz anders, aufwendiger gearbeitet werden, als das für Großbrauereien rentabel wäre.

Eines der interessantesten Biere in der mittlerweile schon recht großen Wiener-Lager-Familie ist das brand-aktuelle „Austrian Lager“ der CulturBrauer. Die acht (ursprünglich neun) Regionalbrauereien Mohrenbräu, Trumer, Freistädter, Eggenberger, Schremser, Zwettler, Hirter und Murauer beschlossen letztes Jahr, ihre Tätigkeit nicht mehr nur auf gemeinsame Marketing-Aktivitäten zu beschränken, sondern brauten gemeinsam ein Bier. Österreichische Tradition war das Thema, weshalb man schnell beim Wiener Lager war.

Entwickelt wurde das Bier von allen acht Braumeistern gemeinsam, gebraut wird vorerst in Freistadt und zwar aus Wiener, Pilsner und Karamellmalzen im sogenannten, sehr traditionellen Dekoktionsverfahren (etwas aufwendiger, aber man erhält mehr Aroma). Der Hopfen der Sorten Aurora, Perle und Tradition stammt aus dem Mühlviertel, das Wasser aus dem Freistädter Brunnen. Und wenn das Bier in ein, zwei Jahren in einer anderen Brauerei gebraut werde, so der Geschäftsführer der Freistädter Brauerei, werde es wohl auch wieder ein bisschen anders schmecken.

Fest steht: Das Wiener Lager ist in der Mitte der Bier trinkenden Gesellschaft angekommen. Hoffentlich wird es nicht ein weiteres Mal vergessen …

TEXT: Christian Grünwald, FOTO: Brau Union Österreich AG

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