2018 ist das Jahr der Wiener Moderne. Ganz Wien feiert Gustav Klimt, Otto Wagner und Co. Doch auch eine Frau hat der Epoche ihren Stempel aufgedrückt: Margaret Stonborough-Wittgenstein. Ein neues Buch widmet sich ihrem spannenden Leben.

Bekannt ist Margaret Stonborough-Wittgenstein als Bauherrin, Mäzenin und unermüdliche Förderin der modernen Kunst. Den immensen Reichtum ihrer Familie, sie war die Tochter des Stahlmagnaten Karl Wittgenstein, setzte sie gerne für die Kunst ein.

Sie war in jeder Hinsicht eine außergewöhnliche Frau. Autonom, willensstark, interessiert an Mathematik und Physik und in vielerlei Hinsicht ihrer Zeit voraus. Autorin Margret Greiner widmet sich in ihrem neuen Buch „Grande Dame der Wiener Moderne“ dem Leben Stonborough-Wittgensteins.

schau: In Ihrem Buch bezeichnen Sie Margaret Stonborough-Wittgenstein als die „Grande Dame der Wiener Moderne“. Warum?
Margret Greiner: Mit „Grande Dame“ bezeichnet man eine Dame, eine Künstlerin zumal, die durch ihre Intelligenz, ihre Erfahrung, ihre dynamische Persönlichkeit in der Gesellschaft eine überragende Rolle einnimmt, und ihre Generation und auch künftige Generationen geprägt hat.

Autorin Margret Greiner

Diese Attribute finde ich bei Margaret Stonborough-Wittgenstein umfänglich erfüllt. Wie kaum eine andere Frau der Wiener Gesellschaft hat sie die Kunst und das Kunstgewerbe der Wiener Werkstätte gefördert, war eine großzügige Philanthropin, hat mit dem Bau des „Hauses Wittgenstein“ Maßstäbe für die Architektur der Moderne gesetzt. Und eine „Dame“ war sie eben auch, immer von großer Noblesse und Empathie.

Berühmt ist ihr Porträt von Gustav Klimt. Können Sie etwas über dessen Entstehungsgeschichte erzählen?
Margarets Mutter, Leopoldine Wittgenstein, hat das Bild bei Klimt 1904 in Auftrag gegeben, als ihre Tochter sich mit einem Amerikaner, Jerome Stonborough, verlobt hatte. Sie nahm an, dass ihre Tochter bald das elterliche Haus verlassen würde. So sollte sie im Bild präsent bleiben. Klimt nahm den Auftrag an, undenkbar, den Wittgensteins, die so generös den Bau des Secessionsgebäudes gesponsert hatten, etwas abzuschlagen. Wie fast immer wurde Klimt mit dem Malen nicht fertig, musste immer wieder um Aufschub bitten. Erst 1905, da kam Margaret schon von der Hochzeitsreise zurück, wurde das Bild abgeliefert. Das Porträt hat offenkundig nicht das helle Entzücken des Modells hervorgerufen, Margaret fand sich wohl nicht wirklich als Person erfasst. Nach dem Tod der Eltern kam das Bild in ihren Besitz, sie hat es nie bei sich aufgestellt, aber demMuseum in Linz als Leihgabe zur Verfügung gestellt. Heute hängt es in der Neuen Pinakothek in München.

Gab es sonstige Beziehungen zu bedeutenden Personen der Wiener Moderne?
Sie hat Beziehungen zu musikalischen Größen der Zeit gehabt, war im Musikverein und der Oper zu Hause, zu bildenden Künstlern, zu Sigmund Freud, dem sie, zusammen mit Marie Bonaparte, zur Flucht nach England verholfen hat. Sie war ein Familienmensch. Das heißt, besonders eng war ihr Kontakt zu ihrem Bruder Ludwig, dem Philosophen. Auch ihr Bruder Paul, der einhändige Pianist, ist berühmt geworden. Man darf auch nicht vergessen, dass sie viele Jahre im Ausland gelebt hat, in Berlin, in Zürich, in Paris, in Oxford und während der Kriege im Exil in Zürich und in New York.

Auch Medizin und Physik zählten zu Stonborough-Wittgensteins Interessen. Wie außergewöhnlich war das für eine Frau zu dieser Zeit und wie wurde das von den Zeitgenossen aufgenommen?
Das war schon außergewöhnlich, lag sicher nicht im Bereich der klassischen Mädchenbildung. Zu ihrer Zeit war es Frauen in Österreich noch nicht gestattet, an der Universität zu studieren. Zürich war da einen Schritt weiter. Da hat sie zunächst die Externistenmatura nachgeholt, sie war nur von Hauslehrern erzogen worden, und dann am Polytechnikum Mathematik und Physik studiert. Auch für Medizin hat sie sich sehr interessiert. Ich glaube, diese Fächer entsprachen ihrem analytischen Verstand.

Gibt es heute noch Spuren dieses spannenden Lebens in Wien?
Die deutlichste Spur ist das „Haus Wittgenstein“ in der Kundmanngasse, heute Parkgasse, das nach ihren Entwürfen von Paul Engelmann und ihrem Bruder Ludwig gebaut wurde. Das Manifest eines kühnen ästhetischen Willens, ein Denkmal der Architektur der Moderne. Heute ist es im Besitz des Bulgarischen Kulturinstituts. In Gmunden am Traunsee steht noch in herrlicher Parklandschaft die Villa Toscana, die sie 1913 erstanden und nach ihren Vorstellungen umbauen lassen hat.

Sie haben sich mit Stonborough-Wittgensteins Leben eingehend beschäftigt. Hat Sie das auch in irgendeiner Form beeinflusst?
Alle Frauen, über die ich schreibe, beeinflussen mich, weil ich eine Weile mit ihnen lebe und einen Dialog führe. Bei Margaret Stonborough hat mir vor allem imponiert, dass sie ihrem immensen Reichtum etwas abzugewinnen wusste, was über Materielles hinausgeht: Gesinnung, Charakter, Wohltätigkeit; obwohl sie das Wort gehasst hätte. Darin sehe ich in ihr ein zeitloses Vorbild. Sie war auch von erfrischender Natürlichkeit, immer geradeheraus, manchmal auch mit scharfer Kante. Das Studium ihrer Briefe hat mich regelrecht in Entzücken versetzt.

Können Sie uns etwas über künftige Buchprojekte verraten?
Es gibt noch einige Wiener Frauen, über die ich gerne schreiben, sie aus dem Schatten herausholen und ins Licht setzen möchte. Ich versuche, meinen Verlag für eine dieser Frauen zu gewinnen. Drücken Sie mir die Daumen.

Margaret Stonborough-Wittgenstein: Grande Dame der Wiener Moderne
Margret Greiner
Kremayr & Scheriau
304 Seiten, Format 13,5 x 21,5 cm
Hardcover mit Schutzumschlag, sw-Fotos
ISBN: 978-3-218-01110-5
Preis: € 24,00

FOTO: Thomas Dashuber, Kremayr & Scheriau

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