Bernhard Pauls Wiener Domizil befindet sich in einem markanten Jugendstilhaus direkt am Naschmarkt. Der gebürtige Niederösterreicher hat für uns die Magie der Manege neu definiert. Heuer feiert sein Circus Roncalli das 40. Jubiläum – ab Mitte September vorm Wiener Rathaus.

„You Start me Up.“ Diese Nummer der Rolling Stones hat Bernhard Paul (69) als Klingelton auf seinem Handy. Noch bevor ich mit dem Interview beginne, rockt sein Smartphone los. Das passt, in zweifacher Hinsicht. Denn erstens dient der Song den britischen Rockdinos oft als Konzert-Opener und zweitens ist Paul selbst im Herzen ein Rock ’n’ Roller, wenn auch auf seine ganz eigene Art und Weise.

André Heller? Wer ist das?

Nun gut, wo wollen wir beginnen? Am besten ganz am Anfang. Ich eröffne. Hartnäckig hält sich ja die Fama, er habe 1976 den Circus Roncalli gemeinsam mit „Feuerkopf“ André Heller gegründet. „André Heller? Wer ist das? Ich weiß, dass es den gibt. Der hat vor 40 Jahren drei Monate mitgemacht. Hat irrsinnig viel versprochen und nichts gehalten. Und jetzt schreit ihm immer noch mein Dank nach. Er hat Jahrzehnte danach noch vom Namen Roncalli gelebt. Er war niemals Mitbegründer in dem Sinne. Ihm hat nie auch nur ein Prozent vom Circus Roncalli gehört. Nichts, gar nichts. Nach seiner eigenen Definition war er für Worte und Bilder zuständig, wie ein Regisseur, quasi angestellt“, stellt Bernhard Paul klar. Wir wechseln das Thema.

Ein Zirkus aus dem Kopfkino

Wie ist Bernhard Paul zum Zirkus gekommen? „Ich wollte als Kind schon Clown werden und Zirkus machen. Ich habe immer Zirkusszenen gezeichnet, Akrobatik versucht und auf Clown gemacht. Wenn Weihnachten die Verwandten zu Besuch kamen, hatte ich meine ersten Auftritte. Der Heller wollte immer Kardinal werden. Das ist die Wahrheit und er ist es auch geworden.“

Wie hat das Umfeld die Berufspläne des jungen Bernhard aufgenommen? „Die schmunzelten darüber. Meine Mutter hat immer gesagt: ,Wenn du nichts lernst, wirst du beim Zirkus enden.‘ Der Zirkus hatte ja damals, sozial gesehen, ein ganz schlechtes Image. Mein Schlüsselerlebnis in der Kindheit war der Besuch des österreichischen Circus Rebernigg. Dieses Bild war in meinem Kopf und ist mir nicht mehr weggegangen. Ich wollte immer Zirkus, Zirkus, Zirkus. Selbst in der Schule hat der Manfred Deix zu mir immer ­Rebernigg gesagt. Das Bild im Kopf habe ich aber im Laufe der Jahre ­immer mehr verklärt. Der Zirkus wurde immer schöner, aber so schön war es damals gar nicht. Nur in meinem Kopf.“

Heute ist Roncalli längst mehr als nur ein Zirkus. Bernhard Paul hat in den letzten Jahrzehnten ein weit­verzweigtes Unterhaltungsimperium aufgebaut. „Wir sind ein Biotop und Feinkostladen der Artistik auf Reisen, etwas ganz Spezielles, das man mit gar nichts vergleichen kann und schon gar nicht mit herkömmlichen Zirkussen. Roncalli ist ein eigenes Universum.“

Naivität als Triebfeder

Er schmunzelt, wenn er daran denkt, wie leichtfertig er einst die Sache angegangen ist. „Die Naivität war meine Triebfeder. Ich dachte mir: ,Zirkus, das sind ein paar Wagen und ein Zelt. Mehr kann’s nicht sein. Da brauche ich noch einen Clown und das ist es.‘ Das war meine Ansicht. In dem Moment, wo man sich entschließt, das zu machen, schlägt jedoch die Stunde der Wahrheit. Dann fängt man an und wird an dem gemessen, was ist. Plötzlich kamen sie aus Deutschland, vom ,Kulturfestival Bonner Sommer‘, um sich mein Zirkuskonzept anzusehen, und sagten zu mir: ,Wir wollen diesen neuen Zirkus bei uns.‘ Und schon ist ein Datum dafür festgestanden. Da musste ich die Produktion dann zu einem fixen Termin fertig haben. Ich habe dann in drei Monaten den Circus Roncalli aus dem Boden gestampft. Dann gab’s die große Premiere. Da war dann auch übrigens der Heller wieder da. Ich habe den Kassawagen gestrichen, er hat vor den Journalisten Reden geschwungen.“

Mit dem Circus Roncalli hat Bernhard Paul den Nerv vieler Menschen getroffen. Ein Besuch seiner Manege gleicht einer Reise in eine andere Welt. Kein Detail wird dem Zufall überlassen. „Zirkus ist, wenn man ihn denn jemals definieren kann, Überraschung. Es geht auf jeden Fall nicht darum, Erwartungshaltungen zu erfüllen, weil das ist normal. Erfolg bedeutet, Erwartungshaltungen zu übertreffen. Es muss alles drinnen sein, von Exotik bis Erotik.“

Mein nächster Clown ist schwarz

Auch für die Jubiläumsshow gilt: Nur das Beste ist gut genug. „Wir verwenden alle Grundelemente wie Jonglieren, Seiltanz oder Trapez. Nur machen wir’s ganz anders, als es immer war. Normal balanciert ein Seiltänzer zwischen zwei Stangen. Was haben wir? Einen riesigen ­Sichelmond, dessen beide Spitzen mit einem Seil verbunden sind – und darüber spaziert eine Ballerina. Außerdem habe ich schon immer Sachen reingenommen, die eigentlich im Zirkus nichts verloren haben. Diesmal ist ein Beatboxer dabei, der am Schluss auch gemeinsam mit dem Publikum singt. Alle steigen mit ein. 1.500 Leute, das ist unglaublich. Gänsehaut pur, die Leute flippen aus.“ Was man von außen nicht sieht: Auch wenn sich der Circus Roncalli in nostalgischer Hülle präsentiert, schlägt in ihm doch ein Herz aus modernster Technik. Für die aktuelle Tournee wurden mehr als 100.000 Euro in eine neue Ton- und Lichtanlage investiert.

In seiner Paraderolle als dummer August „Zippo“ wird Bernhard Paul diesmal nicht selbst in der Manege stehen. Allerdings tüftelt er bereits an einer neuen Nummer und würde gerne den legendären schwarzen Clown des französischen Duos „Chocolat et Footit“ aus der Pariser Belle Époque auf die Bühne bringen. Seine Traumbesetzung hat er schon gefunden, im eigenen Unternehmen. „Wie das Leben so spielt, hat unser Francesco vom Circus-Café aus Italien einen Koch mit­genommen. Ein Italiener, in Italien ­geboren. Heißt Mustafa und ist schwarz. Er hatte nie was mit Zirkus zu tun. Ich habe ihn immer so bisserl nebenbei beobachtet. Er sagte: ,Ich möchte so gern Clown werden.‘ Also habe ich ihn einmal hergerichtet. Er ist ein Bild und schaut aus wie Chocolat. Ich liebe ihn. Ich werde ihn ausbilden.“

Multikulti ohne Bröseln

Es scheint, als könnten auch wir viel von Clowns lernen. Denn neben lustig waren sie vor allem immer zeitkritisch und auch politisch. Bernhard Paul erklärt: „Die Commedia dell’Arte, die Wurzel der Clownerie, ist politisch. Was allerdings nichts im Zirkus verloren hat, ist der erhobene Zeigefinger. Das muss nicht sein.“

Dennoch hat der Roncalli-Zampano ein Patentrezept gegen interkulturelle Spannungen parat. „Der Zirkus ist in jeder Weise ein Reservat. Wir haben 22 Nationen bei uns. Alles haben wir da. Die Luftnummer macht ein Deutscher mit einer Jüdin, der Nachtwächter ist Marokkaner und so weiter. Bei uns gibt’s alle Glaubensrichtungen und Hautfarben. Aber wir haben null Probleme. Das kann nur funktionieren, und das gilt im Übrigen auch fürs normale Leben, wenn sich Politik und Religion nicht einmischen. Sobald ein Hass­prediger bei uns reingehen würde, würden sich am nächsten Tag alle auf den Kopf hauen. Außerdem muss jeder seinen Teil dazu beitragen. Und wenn jetzt einer dabei ist, egal welcher Religion oder Nation, der das Ganze stört oder irgendetwas macht, das sich gegen alle richtet – egal ob Kriminalität, Gewalt oder Frauenfeindlichkeit –, dann fliegt er raus. So einfach ist das. Dieses Modell würde überall funktionieren.“

Zukunft der Roncalli-Saga ist gesichert

Rückblickend betrachtet: Hätte sich Bernhard Paul je vorgestellt, einst das 40. Jubiläum des Circus Roncalli zu feiern? „Nein, niemals. Das Heute war wichtig, das Gestern schon nimmer – und das Morgen oder Übermorgen war weit weg. Wenn mich wer fragt ,Hast du’s dir so vorgestellt?‘, dann sage ich: ,So nicht, viel weniger eigentlich.‘ Hätte ich was anderes gemacht? Prinzipiell nicht, vielleicht das eine oder andere Gasthaus meiden. Der Weg war richtig und er war vorgegeben. Wenn du dir durch den Urwald ­einen Weg bahnst, dann ist er am Anfang zwar ganz schwer, wird aber immer leichter. Du musst nur schauen, dass der Weg immer sauber bleibt, keine Äste reinwachsen und du durchgehen kannst. Das Produkt ist das Wichtigste. Die Vorstellung, die Show muss gut sein, noch besser, am besten. Darauf musst du dich konzentrieren.“ Und auch für die Zukunft hat Bernhard Paul vorgesorgt. „Wenn es weitergehen soll, brauchst du Kinder. Da habe ich auch vorgesorgt und drei Stück gemacht. Die sind schon entzündet, wollen und lieben den Zirkus. Mein Sohn hat jetzt im Apollo-Varieté seine erste Regie­arbeit gemacht. Meine zwei Töchter studieren nebenbei und haben selbst jeweils zwei eigene Nummern im Programm.“

Na dann, auf die nächsten 40 Jahre Circus Roncalli.

Jubiläumsshow „40 Jahre Reise zum Regenbogen“

16. September bis 16. Oktober 2016, Rathausplatz Wien
Vorstellungen tägl. außer Montag
www.roncalli.de
Karten: Wien-Ticket 01/588 85
www.wien-ticket.at

TEXT: Christoph Berndl, FOTO: Circus Roncalli

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