Seit 19. Februar ist Barbara Novak Landesparteisekretärin der SPÖ Wien. Erste große Aufgabe: eine „Zukunftsklausur“ am Kahlenberg. Dort machte sich der erweiterte Parteivorstand drei Tage lang auf die Suche nach den besten Projekten und Visionen für Wiens Zukunft.

schau: Sie gelten als absolute Vertrauensperson des neuen SPÖ Wien-Chefs Michael Ludwig. Waren Sie überrascht, als er Ihnen den fordernden Job der Parteisekretärin angeboten hat?
Barbara Novak: Ich habe mich sehr gefreut, als er mich gefragt hat, ob ich diesen gemeinsamen Weg mit ihm gehen will, und habe sehr gerne zugesagt. Es ist eine Herausforderung und eine Vertrauensfunktion. Die Landesparteisekretärin arbeitet natürlich am engsten mit dem Parteivorsitzenden und zukünftigen Bürgermeister zusammen. Es ist aber vor allem eine große Aufgabe für die Wahl 2020. Jetzt geht es darum, die Organisation in den nächsten Monaten so weit zu bringen, dass wir bei der Wahl auch erfolgreich abschneiden. Ich freue mich auf diese Aufgabe.

Wie sieht die Arbeitsteilung zwischen Ihnen und Michael Ludwig aus?
Noch ist es ja so, dass er „nur“ Parteivorsitzender und Stadtrat ist. Aber sehr bald wird er auch Wiener Bürgermeister sein und sich federführend um das Weiterkommen der Stadt Wien kümmern. Als Parteivorsitzender gibt er natürlich die großen Ziele und strategischen Punkte vor. Ich habe die Aufgabe, gemeinsam mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der SPÖ Wien und der Bezirksorganisationen die Politik so zu organisieren, dass wir einerseits inhaltlich fit und andererseits so kampagnenfähig sind, dass wir bei so vielen Menschen wie möglich für unsere Ideen werben und sie von diesen überzeugen können.

Sie haben die Gemeinderats- und Bezirksvertretungswahlen 2020 angesprochen. Wo liegen die größten Herausforderungen für diesen wichtigen Termin?
Wir haben uns auf der Zukunftsklausur am Kahlenberg sehr intensiv mit der Frage auseinandergesetzt, wie wir verhindern können, dass die wachsende Stadt Wien nicht zu einer Stadt der zwei Geschwindigkeiten wird. Michael Ludwig hat das sofort erkannt.

Bei einer Stadt, die stark wächst, ist es immer so, dass es Teile gibt, die sich besonders gut entwickeln, wo die Lebensqualität eine hohe und die Ausbildung gut ist. Die Bewohnerinnen und Bewohner haben ein Einkommen und die Arbeitslosigkeit ist gering. Und dann gibt es Teile der Stadt, wo sich die Bezirke weniger gut entwickeln. Dort muss die Stadtpolitik gezielt Akzente setzen. Hier müssen die sozialdemokratischen Werte wirken.

Wie wollen Sie das erreichen?
Es geht darum, die Geschwindigkeit in allen Bereichen der Stadt so anzupassen, dass jede Wienerin und jeder Wiener eine gute Lebensqualität hat. Das ist die große Herausforderung. Viele Projekte, die wir angedacht haben, zielen genau auf diese Teile der Stadt ab. Egal, ob Gemeinwesenarbeit, Kulturinfrastruktur oder Sport und Freizeit – das alles sind Bereiche, wo wir dem Trend, dass es zwei Geschwindigkeiten gibt, entgegenwirken werden.

Ihnen ist die Digitalisierung ein großes Anliegen. Wie wichtig ist das Thema für die Lebensqualität in der Smartcity Wien?
Digitalisierung ist das Zukunftsthema. Das spüren die Menschen. Man muss sich anschauen, wie die neuen Technologien eingesetzt werden, wie sie wirken. Wir haben sehr schöne Projekte umgesetzt, bei denen wir gelernt haben, wie man gemeinsam mit der Bevölkerung eine Smartcity gestaltet. Das größte Projekt in Wien, das von der EU gefördert wird, befindet sich am Geiselberg in Simmering und heißt „Smarter Together“. Da wird seit zwei Jahren im Austausch mit München und Lyon ein ganzer Stadtteil erneuert, revitalisiert und ressourcenschonend, also CO2 verringernd neu gebaut. Das alles passiert in Zusammenarbeit mit der Bevölkerung, den Kindern, aber auch den Betrieben, die dort angesiedelt sind. Das heißt, wir lernen, wie man smart lebt und zwar nicht nur als Ziel, sondern bereits den Weg dorthin.

Die SPÖ will Wien zur digitalen Hauptstadt machen. Ist das der Wirtschaftszweig mit den größten Chancen?
Es ist ein Zweig, der real existiert, vielleicht nicht unbedingt als alles bestimmender, aber einer, den man auch nicht vernachlässigen darf. In diesem Bereich sind viele hochqualifizierte Arbeitsplätze zu Hause. Da geht es etwa um die Produktion von IT-Lösungen, es ist eine neue Industrie, die sich entwickelt hat und die es in Wien auch braucht. In Zukunft werden zwar keine Schlote mehr rauchen, aber die Köpfe – es ist eine geistige Produktionsleistung. Deshalb haben wir uns vorgenommen, dass, was Wien schon so gut kann, nochmal zu verstärken. Im Wettbewerb haben wir mit anderen europäischen Städten bereits in der Vergangenheit Initiativen gesetzt und das werden wir auch in Zukunft tun. Also, einen entsprechenden USP für Wien zu schaffen.

Wie genau soll das funktionieren?
Wir haben in unserer Stadt zarte IT-Pflänzchen, die sich mit der Cyber-Security beschäftigen. Das kommt daher, dass Wien eine Stadt ist, die Security sehr ernst nimmt, und Österreich, was Datenschutz betrifft, relativ strenge Regeln hat. Und diese Pflänzchen wollen wir viel stärker betreuen und ausbauen, indem wir etwa im Bereich von Cyber-Security entsprechende Lösungen entwickeln. Das können wir gemeinsam gut schaffen und so auch weltweit Produkte anbieten.

Vielleicht wird bald Facebook anklopfen?
Ja, da gibt es sehr schlaue Köpfe in Wien, die gemeinsam mit der Universität Lösungen entwickeln, die einen Beitrag leisten können. Ich weiß, Sie haben es scherzhaft gemeint, aber es ist tatsächlich so. Wir können hier wirklich auch einen Beitrag leisten.

Ganz wichtig beim Thema Digitalisierung ist auch die ältere Generation. Die darf man nicht vergessen.
Ich muss Ihnen ehrlich sagen, dass die ältere Generation schon sehr fit ist und mit neuen Technologien zum Teil schon sehr gut umgehen kann – meine Elterngeneration sowieso. Ich weiß auch aus meiner politischen Arbeit, dass sich sehr viele Pensionistinnen und Pensionisten etwa bereits über Facebook verabreden. Das heißt, da hat sich schon viel entwickelt. Aber Sie haben recht, dass man diese Gruppe über die Nutzung neuer Technologien hinaus, etwa mit Angeboten im Gesundheitsbereich oder mit Assisted Living aktiv unterstützen muss. Aber wichtiger als der Gap, der zwischen den Generationen existiert, ist jener zwischen den sozialen Schichten. Wir müssen schauen, dass wir auch die digital fit machen, die keinen Zugang zu Bildung haben oder aus sozial schwächeren Schichten kommen.

Zurück zur Grätzel-Aktivierung: Lässt sich zeitlich abschätzen, wann man erste Ergebnisse sehen wird?
Wir arbeiten sehr intensiv an der Ausarbeitung der Projekte, sodass wir vor dem Sommer, wenn Michael Ludwig Bürgermeister ist, diese Projekte auf die Reise schicken können. Bei manchen sind wir schon sehr weit, bei anderen wollen wir noch weitere Experten hinzuziehen.

Es wird auf jeden Fall heuer noch Projekte geben, die direkt im Grätzel ankommen. Wir wollen wieder stärker vor Ort sein, wie beispielsweise mit dem Supergreißler, den wir heuer noch vorstellen wollen. Dieser soll sowohl Nahversorgung als auch soziale Infrastruktur beheimaten, also ein Kommunikationszentrum sein. Das, glaube ich, wird eine gute Sache, das werden wir heuer noch vorstellen. Wir werden auußerdem die Gemeinwesenarbeit, mit der Verwaltung und dem Bürgerservice wieder näher zu den Menschen bringen. Soziale Teilhabe, Kommunikation und Nachbarschaftshilfe sind die Stichwörter.

Wollen Sie so das Heimatgefühl direkt vor der Haustüre stärken?
Genau. Es geht einerseits darum, gegen Armut und Vereinsamung vorzugehen, vor allem bei der älteren Bevölkerung. Und es geht darum, Menschen auch in einer anonymisierenden Großstadt stärker zusammenzuführen. Ja, so etwas wie Heimat, sich zu Hause und sicher fühlen. Das ist das Herzstück sozialdemokratischer Politik, das heißt, die Nachbarinnen und Nachbarn zu kennen und abgesichert zu sein.

Die Abschlusserklärung der Zukunftskonferenz wurde mit den Worten: „Wien bleibt anders und wird doch viel besser …“ eingeleitet. Was ist es, das Wien besser als die anderen Bundesländer macht?
Wien ist eine Stadt mit unglaublich hoher Lebensqualität. Sie ist weltoffen, tolerant und seit Jahrzehnten sozialdemokratisch geführt. Das spürt man. Deswegen ist Wien auch der einzige Gegenpol zum Weg der derzeitigen Bundesregierung, und das werden wir auch beweisen müssen. Weil, was von Seiten des Bundes kommt, wie man in Richtung Arbeitssuchende et cetera agiert und Maßnahmen setzt, das ist schon ein starkes Stück. Und da wird Wien immer anders bleiben, und wir wollen besser werden.

Einige Vorschläge vom Kahlenberg bedeuten ein prominentes Investvolumen, etwa der für eine Multi-Ballsporthalle oder eine Open-Air-Arena für klassische Musik auf der Donauinsel. Ein anderes Großprojekt, das Krankenhaus Nord, schafft es nicht aus den Negativschlagzeilen. Lässt sich das alles wirklich finanzieren?
Ich sehe keinen Zusammenhang zwischen dem Krankenhaus Nord und unseren Projekten. Das Krankenhaus Nord ist ein Spitalsprojekt, das uns intensiv beschäftigt hat und mit Sicherheit auch das nächste Jahr im Sinne des Untersuchungsausschusses, den Michael Ludwig gefordert und auch einsetzen hat lassen, beschäftigen wird. Aber es gibt keinen Zusammenhang mit unseren Projekten. Unsere Projekte sind, wie viele andere Projekte der Stadt Wien aus den letzten Jahren, umzusetzen und auch zu finanzieren. Dass alles, was die Stadt tut, finanziert werden muss, ist klar. Das ist die Aufgabe der Finanz und der zuständigen Stadtregierung, und das wird gelingen, wir sind keine arme Stadt. Aber man muss Prioritäten setzen, und das ist Politik. Politik heißt entscheiden, wo man Prioritäten setzt, auch in der Frage, wo man finanzielle Mittel hingibt. Weil nicht nur die Seebühne, sondern auch die Gemeinwesenarbeit in den Grätzeln kostet Geld.

Vielen Dank für das Gespräch!

Wer ist Barbara Novak?

Geboren am 14. Dezember 1976 in Wien. Wurde am 19. Februar 2018 zur Landesparteisekretärin der SPÖ Wien gewählt. Seit 2001 ist Novak Abgeordnete zum Landtag sowie Mitglied des Wiener Gemeinderats und Sprecherin für Informations-, Kommunikationstechnologie und Digitalisierungspolitik. Sie ist seit Oktober 2015 Präsidentin des Instituts für Jugendliteratur in Wien und seit Jänner 2016 -stellvertretende Aufsichtsrats-vorsitzende der Volkshilfe Wien Beschäftigung GesmbH. Weiters ist Novak seit 2009 -Vizepräsidentin des Kuratoriums Wiener Pensionistenwohnhäuser bzw. Häuser zum Leben.

INTERVIEW: Christoph Berndl und Gerhard Milletich, FOTO: Tanja Hofer

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