Kann eine deutsche Serie mit internationalen Produktionen auf Augenhöhe mithalten? Spätestens seit der Premiere der ersten beiden Staffeln von „Babylon Berlin“ steht fest: Das ist möglich. schau hat die beiden Hauptdarsteller Volker Bruch und Liv Lisa Fries sowie Achim von Borries, einen von insgesamt drei Drehbuchautoren und Regisseuren, zum Talk in Wien getroffen.

Mit Produktionskosten von 40 Millionen Euro ist „Babylon Berlin“ der Titel „Teuerste deutsche Serie aller Zeiten“ bereits sicher. Und dieser Betrag scheint optimal investiert zu sein. Bereits nach den ersten Screenings loben die Kritiker die Serie – die in einer bislang einzigartigen Kooperation von öffentlich-rechtlichem Fernsehen und Pay-TV realisiert wurde – in den höchsten Tönen. Initiiert hat das Projekt die Produktionsfirma X Filme Creative Pool, die als Partner und Koproduzenten ARD Degeto, Sky und Beta Film gewinnen konnte.

Kommissar Gereon Rath ermittelt

16 Folgen in zwei Staffeln sind bislang finalisiert, weitere Staffeln stehen bereits im Raum. Ein 400-köpfiges Produktionsteam ließ für die Serie das Berlin der 1920er-Jahre auferstehen. Hier traf sich kurz vor dem Ausbruch des Nationalsozialismus die ganze Welt. So wurde etwa in den Babelsberger Filmstudios auf mehr als 15.000 Quadratmetern eine gigantische Außenkulisse mit vier Straßenzügen in unterschiedlichen Architekturstilen nachgebaut. 300 Handwerker waren dafür 140 Tage lang beschäftigt. Kostenpunkt: 16 Millionen Euro.

Die Basis von „Babylon Berlin“ bilden die Romane des deutschen Autors Volker Kutscher rund um einen Kriminalkommissar, in der Serie dargestellt von Volker Bruch (37). Für die ersten beiden Staffeln wurden Motive aus dem ersten Roman „Der nasse Fisch“ verarbeitet. Volker Bruch über seinen Seriencharakter: „Gereon Rath ist ein Kommissar, der aus Köln kommt und den seine Ermittlungen nach Berlin verschlagen. Zu Beginn kennt ihn dort niemand, er ist ein Fremder. Gemeinsam mit ihm lernen wir diese ­unglaubliche Stadt in den 1920er-Jahren kennen. Er ist ein Geheimnisträger. Und man merkt auch schnell, dass er ­einen ordentlichen Rucksack mit sich rumschleppt. Dann dauert es eine ganze Weile, bis wir ihm näherkommen.“

Grüner Glockenhut steht ihr gut

Rath, eigentlich dem Sittendezernat zugeteilt, schaltet sich im Verlauf der Handlung in Ermittlungen der Mordkommission ein. Dabei trifft er auf Charlotte Ritter, dargestellt von Liv Lisa Fries (26). „Sie ist eine Stenotypistin aus der Unterschicht und kommt aus sehr armen
Verhältnissen. Außerdem ist sie ein neugieriger Mensch, aber auch ein ehrgeiziger Charakter, allerdings im positivsten Sinne und nicht auf eine überambitionierte Art.“ Darin lag für die Schauspielerin, die in der Serie auch aufgrund ihres grünen Glockenhuts hervorsticht, auch der besondere Reiz der Rolle.

„Bei der Herangehensweise an die Figur habe ich mich hauptsächlich mit der Frage beschäftigt: Wo kommt diese Motivation her? Warum ist sie so? Ich glaube, dass sie einfach auch ein Mensch ist, der sich wünscht, in besseren Verhältnissen zu leben. Dass daher auch dieses Streben kommt. Außerdem ist sie auf der Suche nach einer Wahrheit bei sich selbst und auch im Fremden. Das aber auf eine eher unbewusste Art und Weise. Nicht wie heute, wo wir uns sehr viele Dinge bewusst machen und alles sehr reflektiert ist, wir zum Psychologen gehen, um uns analysieren zu lassen. Damals war das noch nicht so oder erst in den Anfängen, und das fand ich sehr spannend.“

Die Chemie stimmt

Im Verlauf der Handlung wird die Stenotypistin schließlich zu Raths Assistentin, der in der Serie auch mit einer Reihe persönlicher Dämonen – Stichwort: Rauschmittel – zu kämpfen hat. Mehr sei hier allerdings, der Spannung wegen, nicht verraten. Dass die Chemie zwischen den beiden Hauptdarstellern stimmt, ist ­jedenfalls deutlich spürbar. Für Volker Bruch ist das am Set zwar nicht zwingend vorauszusetzen, aber ein willkommener Vorteil. „Das haben wir bereits beim gemeinsamen ­Casting herausgefunden. Ich glaube, dass damals alle im Raum das ­Gefühl hatten, das ist es jetzt. Was am Ende rauskommt, sind zwölf Stunden Film. Das ist eine ganze Menge, aber nichts gegen zehn ­Monate gemeinsames Arbeiten. Da hilft es extrem, wenn die Leute miteinander auskommen oder sich sogar mögen und gegenseitig befruchten. Man muss das Gefühl haben, am gleichen Strang zu ziehen, denn sonst verpufft so wahnsinnig viel Energie, dass das Ganze nicht zu stemmen ist.“

Zeitreise in die 1920er-Jahre

Und so entführen die beiden Hauptdarsteller das Publikum auf eine Reise zurück in der Zeit. Eine besondere Herausforderung war es am Set, das Berlin der späten 1920er-Jahre für die Serie auferstehen zu lassen. Ist es für Schauspieler eigentlich eine besondere Herausforderung, in eine andere Zeitepoche zu schlüpfen? „Ich finde es eigentlich relativ irrelevant, in welcher Zeit eine Figur lebt“, sagt Volker Bruch.

„Was mich interessiert, sind sowieso die Bögen, die passieren. Das sind immer ­zwischenmenschliche Sachen. Und dabei ist es egal, in welchem Jahrhundert das spielt. Es geht um Spannungen, die zwischen Charakteren hergestellt werden, passieren, sich verändern.“ Die Kostüme helfen dabei, in die Rolle zu finden. Volker Bruch: „Wenn man ein Kostüm anhat, werden auf einmal ganz andere Bewegungen selbstverständlich. Wenn man etwa einen Hut trägt oder diese wahnsinnig schweren Schuhe, die einen ganz anderen Gang machen. Du bist auf einmal ganz anders unterwegs, weil man die so vor sich herschleudert. Ich merke das erst jetzt, wenn ich mir die ­Szenen ansehe. Rath hat so einen schlendernden Gang, der mir beim Spielen gar nicht aufgefallen ist.“

Diese Serie ist mein Jackpot

Derzeit läuft die Serie auf Sky 1, im Abruf auf skygo und im Herbst 2018 wird sie schließlich auf ARD ausgestrahlt. Bereits jetzt werden weitere Staffeln vorbereitet. Lauert da für Schauspieler nicht mitunter die ­Gefahr, zu sehr auf eine Rolle fixiert zu werden? Liv Lisa Fries winkt ab: „Ich habe mich schon gefragt, ob ich das auch über die zwei Staffeln hinaus machen möchte, und bin da nicht völlig verblendet hineingegangen. Aber bei diesem ganzen Projekt beantworten sich alle Fragen immer mit so tollen Personen. Es sind ja einfach unglaublich tolle Regisseure und Kollegen, super Bücher.“ Volker Bruch stimmt ein: „Für mich ist das kein Sprungbrett, sondern sowieso schon der Jackpot an sich. Ich will das weitermachen. Und es sieht gut aus, dass wir eine weitere Staffel drehen. Das muss überhaupt nicht irgendwo anders hinführen. Ich bin sehr glücklich in dieser Produktion und hoffe, dass wir uns da noch jahrelang weiterentwickeln können.“

Am Ende wird das aber nicht zuletzt auch vom Interesse des Publikums abhängen.

Die meistgestellte Frage an die Hauptdarsteller „Warum soll man sich die Serie ansehen?“ beantwortet Liv Lisa Fries selbstbewusst: „Ich bin von Natur aus sehr bescheiden und lege ein großes Understatement an den Tag. Wenn ich jetzt oft gefragt werde, warum ich meine, dass man ,Babylon Berlin‘ unbedingt gucken muss, bin ich eigentlich immer der Meinung, dass jeder selber wissen sollte, ob er’s gucken will oder nicht. Aber ich habe bei unserer Köln-Premiere nochmal die ersten sechs Folgen auf großer Leinwand gesehen und bin jetzt anderer Meinung: Ich bin überzeugt, dass man die Serie gucken sollte, weil sie ganz einfach wirklich toll ist.“

Babylon Berlin

Die Serie von Tom Tykwer, Henk Handloegten und Achim von Borries läuft derzeit auf Sky sowie ab Ende 2018 auf ARD. Unter anderen mit Volker Bruch, Liv Lisa Fries, Peter Kurth, Matthias Brandt, Hannah Herzsprung und Benno Fürmann. Aus Österreich dabei ist Karl Markovics, er spielt einen österreichischen Zeitungskorrespondenten in Berlin.

www.babylon-berlin.com

TEXT: Christoph Berndl, FOTO: Frédéric Batier

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