Als Vorschoterin von Thomas Zajac rettete sie 2016 unsere olympische Ehre bei den Sommerspielen in Rio und holte mit ihm die Bronze-Medaille. Jetzt übernimmt Seglerin Tanja Frank (24) selbst das Ruder und fängt nochmal ganz von vorne an. Neue Bootsklasse, neue Position am Boot und mit Lorena Abicht (23) eine neue Partnerin an Bord. Gemeinsam haben die beiden ein Ziel vor Augen – die Olympischen Spiele 2020 in Tokio.

Das Austria Trend Hotel Schloss Wilhelminenberg zählt zu den beliebtesten Hochzeitslocations der Bundeshauptstadt. Mit ein Grund dafür ist der atemberaubende Blick über die Millionen­metropole an der Donau, den man von hoch oben genießt. So wird ­jedes Foto vom vielleicht wichtigsten Tag im Leben zum kitschigen Postkartenmotiv.

Ich habe mich hier mit Österreichs definitiv attraktivstem Segeldoppel zum Interview verabredet. Auch an diesem Tag posiert ein Hochzeitspaar vor Ort vor einem Foto­grafen. Er dirigiert das Pärchen in die perfekte Position. Während wir an der Gruppe vorbeischlendern, meine ich: „Hochzeitsfotograf ist ­sicher kein schlechter Job.“ Tanja entgegnet: „Scheidungsfotograf wäre wahrscheinlich noch lukrativer.“ Lorena lacht und stimmt ein: „Ja, wenn man sich die Scheidungsrate ansieht, ist das sicherlich ein ­attraktives Businessmodell.“

Aus dem Sandkasten ins Boot

Das Interesse für wirtschaftliche Zusammenhänge kommt nicht von ungefähr. Beide absolvieren derzeit ein Fernstudium „Sportmanagement“ und wollen so ihren Master machen. Aber zurück zum Sport, wie haben sich die beiden gefunden? „Kennengelernt haben wir uns ­eigentlich vor 23 Jahren. Unsere Großeltern haben Haus an Haus in Neusiedl am See gewohnt. Außerdem sind unsere Mamis zusammen in die Schule gegangen. Wir sind mehr oder weniger miteinander aufgewachsen, Sandkastenfreundinnen sozusagen“, klärt uns Tanja auf. „Wir sind früher mal zum Spaß im 420er gesegelt. Damals war es aber recht schwierig, da die Leni in Deutschland in die Schule ging. Während des Schuljahres hat man ohnehin schon wenig Zeit und dann noch die Distanz zwischen Österreich und Deutschland. Das war halt schwierig, aber jetzt sind wir alt genug. Jetzt haben wir uns endgültig gefunden.“

Ja, ich will!

Auch Lorena Abicht hat das Segeln im Blut. „Ich komme ja auch aus ­einer Seglerfamilie. Am Neusiedler See gehört das irgendwie dazu. Genau wie Tanja bin ich von Kindesbeinen an gesegelt. Ich habe beide Staatsbürgerschaften, also die österreichische und die deutsche. Meine Mama kommt aus Wien, ich bin aber in Hamburg geboren. Mein Papa ist aus Bayern. Ich habe mein Leben lang in Hamburg gewohnt, die Sommer aber immer hier im Haus am Neusiedler See verbracht. Begonnen habe ich im Opti – dann im 420er, später im 470er. Am Sportinternat in Berlin habe ich meinen Schulabschluss gemacht und dort eigentlich auch mit dem Leistungssport begonnen. Allerdings bin ich noch nicht auf dem Niveau gesegelt, wo wir jetzt sind. Ich war im Landeskader. Dann hatte ich allerdings eine ,akademische ­Segelpause‘. Ich bin zurück nach Hamburg gegangen und habe eine Ausbildung zur Groß- und Außenhandelskauffrau gemacht. Allerdings ist mir das Segeln die ganze Zeit irrsinnig abgegangen. In Neusiedl habe ich Tanja wieder getroffen und sie hat mich gefragt. Ich habe keine Sekunde überlegt und sofort Ja gesagt.“

Multipler Neustart mit Risiko

Ein sportlicher Neustart in mehrfacher Hinsicht ist allerdings nicht ohne Risiko. Nicht alle in ihrem Umfeld waren sich anfangs sicher, ob sich Tanja diese Entscheidung auch wirklich gut durch ihren klugen Kopf gehen ließ – Intelligenzquotient 137, bereits mit 14 begann sie ein Biologiestudium, wechselte später zu Ernährungswissenschaft, nebenbei Matura mit ausgezeichnetem Erfolg. Tanja klärt auf: „Ich habe lange überlegt, ob ich in meiner bisherigen Bootsklasse Nacra bleiben oder wechseln soll. Am Anfang dachte ich mir, das wird ein Wahnsinn, wenn ich die Position am Boot wechsle, also von der Vorschoterin zur Steuerfrau, eine neue Partnerin habe und auch noch eine andere Bootsklasse. Mein Gedanke war ganz einfach: ,Okay, ganz oder gar nicht.‘ Am Ende war es aber doch recht spontan. Es gibt sicher einige, die es nicht verstehen. Viele von denen wissen aber wahrscheinlich gar nicht, dass ich nur für diese vier Jahre, die ich mit dem Tom gesegelt bin, an die Vorschot gegangen bin. Davor war ich immer selbst Steuerfrau. Für mich war einfach klar, dass ich wieder zurück will.“

Gemeinsam wollen Tanja und Lorena im 49er FX durchstarten. Tanja erklärt den Unterschied zum Nacra: „Vorher bin ich im Katamaran gefahren, mit zwei Rümpfen. Wenn man das Boot ins Wasser stellt, dann ist es ganz stabil, fällt also nicht um. Das neue Boot kippt im Wasser ­sofort, wenn du nicht die Balance hältst. Jede kleinste Bewegung hat dabei große Auswirkungen.“ Lorena ergänzt: „Das ist so, wie wenn du
zu zweit Yoga auf einem breiteren Surfbrett machen würdest.“

Es wird verdammt eng

Noch liegen die Olympischen Sommerspiele 2020 in Tokio drei Jahre entfernt, in sportlichen Dimensionen gerechnet, stehen sie allerdings schon de facto unmittelbar vor der Türe. „Im Oktober haben wir begonnen und hängen uns da voll rein. In vielen Momenten sieht man das nicht zuletzt auch schon an den Ergebnissen. Kleine Ausreißer nach oben sind schon da. Es fehlt halt noch die Konstanz. Da arbeiten wir jetzt sehr intensiv daran. Wir versuchen so viele Wasserstunden wie möglich zu sammeln, machen Kraftsport und Ausdauer. Dazu kommen viele Koordinations- und Balance­geschichten mit unserem Fitnesstrainer. Wir arbeiten also an allen Ecken und Enden, was notwendig ist. Bis jetzt sind wir zufrieden und liegen gut im Zeitplan. Derzeit ist natürlich alles extrem eng getaktet“, sagt Lorena. Das Training absolvieren die beiden so oft wie möglich gemeinsam. „Der Segelverband stellt uns einen Koordinator“, erklärt Tanja. „Entweder trainieren wir im Universitätssportzentrum auf der Schmelz in Wien oder im Leistungszentrum in Neusiedl. Wenn wir nur kurz im Lande sind, dann gibt es bis zu fünf Mal pro Woche Kraft-, Kondition- und Balancetraining. Wenn wir länger da sind, dann versuchen wir auch ein paarmal in Neusiedl am Boot zu sitzen. Im Moment ist das aber ohnehin kein Thema.“

Erfolgsbasis Heeressport

Unterstützung bekommen die beiden auch vom Österreichischen Bundesheer. „Ohne Bundesheer wäre es unmöglich. Ich bin beim Heeressport ganz normal angestellt. Wir bekommen ein monatliches ­Gehalt“, sagt Tanja. „Der Sport ist mein Bundesheerjob. Ein Mal pro Woche bin ich dort und gebe meinen Wochenplan ab. Meine Arbeitszeit ist meine Trainingszeit. Ich bin Korporal. Du machst die ganz normale Grundausbildung. Die habe ich 2013 in Graz absolviert. Dann wirst du an deinen Stützpunkt versetzt. Bei mir ist der in der Südstadt. Ein Mal in der Woche melde ich mich dort in meiner Uniform zur Standeskontrolle und gebe meinen Wochenplan ab, wann ich wo, was, wann trainiere.“ Auch Lorena wird im Herbst zur Bundesheersportlerin und startet im November mit ihrer Grundausbildung. „Ich freue mich sehr drauf. Es ist schon ein schönes Gefühl, so etwas fürs Land Österreich leisten zu können.“ Der Verantwortung, die sie dabei tragen, sind sich die beiden durchaus bewusst. Tanja: „Die Bundesheerplätze für Sportler sind recht gering. Das heißt, du musst jedes Jahr zittern, ob du jetzt im Bundesheer drinnen bleiben kannst oder nicht. Sport- und Verteidigungsminister Hans ­Peter Doskozil setzt sich voll dafür ein, dass es halt mehr Plätze gibt. ­Alleine das ist schon mal ein großer Punkt. Auch das Projekt Rio, das damals vom Sportministerium ausging, war für uns ganz essenziell.“

Boot ist unser Schreibtisch

Tanja und Lorena sind auch in den sozialen Netzwerken sehr aktiv. Wollen sie so auch junge Menschen fürs Segeln begeistern und sehen sie sich als Botschafterinnen für eine Generation in diesem Sport? Lorena winkt ab: „Also als Botschafterin sehe ich mich nicht. Aber es ist schon schön, wenn man auf irgendeine Weise Vorbild oder Richtungsgeber sein kann. Dass das Leben nicht unbedingt der klassischen Formel Matura, Studium, Schreibtisch folgen muss. Unser Schreibtisch ist das Boot und das ist schon ein ganz besonderes Lebensgefühl, ein besonderer Lifestyle. Wenn man das, verbunden mit dem Sport der Jugend, weitergeben kann, dass es solche Möglichkeiten überhaupt gibt, dass man sich dahinkämpfen und sich ­etwas ersegeln kann, dann ist das schon etwas ganz Tolles.“ Tanja ­ergänzt: „Wir sind beim Aufbauen ­unserer Instagram-Seite. Die heißt ,Frank-Abicht-Sailing-Team‘, bitte unbedingt reinschreiben und Werbung machen. Suchen Follower (lacht). Am Anfang ist es irrsinnig schwer. Auf Facebook sind wir schon länger dabei.“

Überhaupt ist es so eine Sache mit der medialen Öffentlichkeit. Tanja: „Nach Rio hat man das richtig gemerkt. Da war viel Aufmerksamkeit da. Aber um ehrlich zu sein, sobald die ersten Skirennen begonnen haben, war es wieder vorbei. Da hat man als Segler kein gutes Los. Wenn du als Segler eine Bronze-Medaille bei der WM machst, bringen die Medien eine kleine Geschichte ­darüber. Qualifizieren sich unsere Fußballer nicht für ein wichtiges Turnier, dann ist ihnen das vier Seiten wert. Diese Gewichtung kann ich oft nicht ganz nachvollziehen.“

Chance auf Olympia-Ticket

Jetzt liegt der Fokus voll auf der Qualifikation für die Olympischen Sommerspiele 2020. Einfach wird es bestimmt nicht. „Wir segeln gegen Leute, die mitunter das fünfte Jahr gemeinsam am Boot sitzen. Das merkt man halt“, sagt Tanja. „Was uns noch ein bisserl fehlt, was aber auch ganz normal ist, ist die Kon­stanz, durchgehend gute Ergebnisse zu haben. Aber gerade bei der Kieler Woche und beim EM-Testevent ­hatten wir eigentlich jeden Tag
Top-Fünf- oder Top-Zehn-Plätze. Es kommen halt dazwischen leider ein paar, die halt nicht so toll sind. Aber es ist zumindest gut zu sehen, dass wir es können. Wichtig ist jetzt einmal die Olympia-Qualifikation, die nächstes Jahr beginnt. Die startet in Aarhus mit der Weltmeisterschaft. Dort werden erste Tickets vergeben. Es ist noch nicht ganz sicher, wie viele. Irgendwas zwischen acht und zehn Nationentickets. Das ist halt einfach einmal die erste Chance. Unser Ziel ist auf jeden Fall, dabei zu sein. Allerdings ist Dänemark ein ­extrem schwieriges Revier. Ich war schon einmal mit dem Nacra dort. Es ist megaschwer und offen für Überraschungen. Vielleicht sind auch wir die Überraschung. Ich glaube, dass alles passieren kann.“

Bootsklasse 49er FX

Der 49er ist die olympische High-Performance-Bootsklasse. Im -Gegensatz zum Nacra 17 wird diese Bootsklasse nicht im Mixed gesegelt. Besondere Herausforderung: Vorschoterin und Steuerfrau stehen auf den breiten Wings im Trapez und müssen mit ihrem Körper-gewicht das Boot aufrecht halten.

TEXT: Christoph Berndl, FOTO: David Pichler/www.dapic.rocks

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