Die Saison 2016/17 wird der Snowboarderin Anna Gasser immer in Erinnerung bleiben. Die Kärntnerin zeigte nicht nur unglaubliche Moves auf ihrem Brett, sondern sprang von Sieg zu Sieg.

Egal ob beim Big Air oder bei anderen Weltcup-Veranstaltungen – mit ihren 1,65 Metern war sie für die Konkurrenz zu groß. Erst seit 2010 steht Anna Gasser auf dem Snowboard. Da war von einer Olympia-Teilnahme in Sotschi 2014 noch bei Weitem keine Rede. Ihr Bewerb ­Slopestyle war zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal zugelassen.

Von der Turnmatte auf die Piste

Slopestyle – was ist das eigentlich? „Beim Slopestyle wird ein Parcours mit unterschiedlichen Hindernissen befahren. Anschließend wird man von einer Jury bewertet. Slopestyle kann auch mit zwei Skiern unter den Füßen praktiziert werden“, erklärt Anna, „aber das Springen ist mir von Beginn an mehr gelegen als das Fahren.“ Zuvor versuchte sie beim Kunstturnen ihr Glück. Mit 14 Jahren war diese Karriere aber schon wieder zu Ende. „Das Training war zu intensiv, für das, was dann am Schluss rauskam. Im Turnen hätte es nie für die Spitze gereicht“, kann sich Gasser erinnern. 2013 gab die Kärntnerin ihr Debüt im Weltcup. Nach durchschnittlichen Leistungen belegte sie bei der Snowboard-Weltmeisterschaft den 18. Platz.

Durchbruch mit „Cab Double Cork 900“

Ein Vorhaben setzte sie im November 2013 aber noch um. Von vielen männlichen Kollegen wurde sie ­belächelt. Doch Gasser traute sich und schaffte als erste Frau den Cab Double Cork 900, ein doppelter Rückwärtssalto mit einer halben Drehung. Ein enorm schwieriger Sprung. „Ich wollte den Sprung ­unbedingt lernen“, grinst die Kärntnerin, wenn sie ans erste Mal ­zurückdenkt, „es ist einfach ein ­unbeschreiblichen Gefühl gewesen. Damals war es für die Olympischen Spiele in Sotschi ein echtes Ass im Ärmel.“ Aber wie man weiß, wurde es nichts mit dem Ass im Ärmel.

Bei den Olympischen Spielen in Sotschi passierte Anna Gasser nämlich das Missgeschick ihrer Karriere. Sie kugelte aus dem Starthaus und die TV-Kameras hielten drauf. „Ein Missverständnis. Bislang war das Startsignal ein Thumbs-up gewesen. Doch der eine Startrichter wollte mir bloß viel Glück wünschen, indem er den Daumen nach oben streckte“, kann Gasser aber schon wieder darüber lachen. Dann nahm das Unglück seinen Lauf. Anna musste den eisigen und steilen Starthügel mithilfe ihres Trainers nach oben klettern. Die Konzentration war komplett weg und an ein vernünftiges Debüt bei einer Olympiade war nicht mehr zu denken. Nach dem ersten Platz in der Qualifikation belegte sie im Finale schlussendlich den zehnten Rang. Das verpatzte Olympia-Abenteuer hat Anna weniger geschmerzt als ihr Umfeld: „Teilweise haben mich die Leute zu trösten versucht, als ob jemand gestorben wäre. Es war ja nur Olympia oder so, und das kommt verlässlich alle vier Jahre wieder“, so Gasser. Seit diesem Missgeschick ging die Karriere der sympathischen Snowboarderin aber steil bergauf.

Mit der Gips-Hand zu WM-Silber

Mit dem Olympia-Hoppala verewigte sich Anna Gasser sicherlich in den Geschichtsbüchern, doch ­berühmt wurde sie dann bei der Heim-Weltmeisterschaft 2015 am Kreischberg. Dort holte sie sich mit einer Gips-Hand (!) sensationell die Silbermedaille. „Ich habe mich im Training in der Früh nicht getraut voll zu fahren, da war ein bisserl Angst dabei. Aber im Finale habe ich das dann komplett ausschalten können. Der erste Run war dann ein kompletter Sicherheitslauf, der nicht ganz sauber war. Die anderen Mädels haben alle sehr gute Punkte bekommen für ihre Läufe. Und da wusste ich, ich muss jetzt alles riskieren. Im dritten Run ist es Gott sei Dank aufgegangen“, kann sich die Freestylerin noch genau erinnern. „Eigentlich wollte ich die Heim-WM auslassen und mich auf die ­X-Games konzentrieren. Aber im Nachhinein bin ich froh, dass ich in Kreischberg an den Start gegangen bin.“ Da macht es auch nichts aus, dass die erst 16-jährige Japanerin ­Miyabi Onitsuka ihr den Sieg ­wegschnappte.

Erfolgswelle bei den X-Games, im Weltcup und WM-Gold

Die Saison 2016/17 ging dann auch in die österreichischen Geschichtsbücher ein. Denn Anna Gasser schaffte als erste österreichische Snowboarderin einen Sieg beim Big-Air-Weltcup in Mailand. Gasser holte sich auch noch die Siege in ­Pyeongchang und in Mönchengladbach. Der Erfolgslauf setzte sich auch 2017 fort. Im Jänner siegte sie im Slopestyle am Kreischberg, ehe sie auch noch in Quebec im Februar ganz oben auf dem Treppchen stehen durfte. Am Ende einer glorreichen Saison durfte sich Gasser über die Weltcupsiege im Freestyle- und Big-Air-Bewerb freuen. Nicht zu vergessen sind natürlich auch die beeindruckenden Leistungen bei den X-Games in Aspen (Silber beim Big Air) und im norwegischen Hafjell. Da konnte sich die Kärntnerin im Slopestyle die Goldmedaille sichern und im Big-Air-Bewerb den dritten Platz belegen.

WM-Titel mit Premiere und Höchstpunktezahl

Ein weiterer Höhepunkt ihrer Karriere war die Weltmeisterschaft in der Sierra Nevada. Anna Gasser sicherte sich mit einem erstmals gezeigten „Backside Double Cork 1080“ und der Höchstpunktezahl 100 die Goldene. Aber nicht nur auf der Piste räumte Anna Gasser ab. Bei den prestigeträchtigen ESPY Awards, die einem sportlichen Ritterschlag gleichen und mit denen bereits Sportgrößen wie Lewis Hamilton, Roger Federer oder Usain Bolt ausgezeichnet wurden, hat auch Anna Gasser in diesem Jahr einen Preis verliehen bekommen. Außerdem war sie von der Women’s Sports Foundation als „Sportswoman of the Year“ nominiert. Da darf die Trophäe zur „Sportlerin des Jahres 2017“ natürlich nicht fehlen. Das Tüpfelchen auf dem i wäre nun bei den Olympischen Winterspielen 2018 in Pyeong­chang die Goldmedaille.

Anna Gasser

Geboren am 16. August 1991
Größe: 165 cm
Karrierehighlights: WM-Gold,
WM-Silber, Gold, Silber und Bronze bei den X-Games

TEXT: Marco Cornelius, FOTO: Mirja Geh / Red Bull Content Pool

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